Jul 25 2010

Debrahlee Lorenzana und die normative Vermittelmäßigung

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 15:55
Foto: Credit: Saswat Pattanayak

Das ist die Frau, deren Schicksal für eine neue Stufe der abendländischen Vermittelmäßigung stehen könnte.

Seit vielen Jahrhunderten läuft innerhalb der abendländischen Kultur ein Prozeß der methodisch bewußten Vermittelmäßigung. Das theoretische Programm dafür hat Aristoteles mit seiner Tugendlehre vorgegeben. Bei allen menschlichen Dispositionen, heißt es dort, gibt es ein Übermaß, ein Untermaß und ein mittleres Maß. Tugendhaft sei stets nur das mittlere Maß. So etwa bei den Lüsten. Das Untermaß an Lust ist der Stumpfsinn, das Übermaß ist die Genußsucht und tugendhaft ist allein das mäßige, besonnene Lüstchen. Übermaß und Untermaß heißen auch „Extreme”. In der Praxis der Vermittelmäßigung hat das Wort „extrem” darum weithin einen durch und durch pejorativen Klang angenommen. Derzeit klingt es nur in zwei Kontexten wenigstens neutral: In den Formulierungen „Extremsportarten” und „extreme sexuelle Praktiken”. Extreme Meinungen, extreme Reaktionen („Überreaktionen”), extreme Empörung usw. usf. gelten dagegen als unbedingt schlecht. Denn das Gute kann immer nur in der Mitte zwischen zwei Extremen liegen. Das ist seit langem zu einer grundlegenden Denkfigur geraten. Natürlich stellen sich zur Tendenz der Vermittelmäßigung periodisch auch gegenläufige Tendenzen ein. Man denke nur an die zeitgenössische Aufwertung des Geizes. Das ist eine von jenen gegenläufigen, das Extreme huldigenden Tendenzen, die aber schlußendlich kulturgeschichtlich unterliegen. (mehr…)


Jun 29 2010

Rückfall in die Prämoderne

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 21:55

Moderne Gesellschaften und Staatswesen geben sich an mehreren Merkmalen zu erkennen. Eines dieser Merkmale: das Gewaltmonopol des Staates. Bestimmte Organe des Staates sollen zum Schutz der Staatsbürger, zur Wahrung von Recht und Gesetz bewaffnet sein, die Masse der Staatsbürger jedoch soll in der Regel nicht bewaffnet sein.  Das gehört unveräußerlich zur Modernität. Vorbei die  eher mittelalterlichen Zeiten, da jedermann mit den Waffen seiner Zeit herumrannte und sie nach Gutdünken einsetzen konnte.

Vormodern fällt dagegen ein Zusatz zur Verfassung der Vereinigten Staaten aus,  der seit 1791 in Kraft ist: “Das Recht des Volkes auf den Besitz und das Tragen von Waffen  darf nicht beeinträchtigt werden.” Auf diesen das moderne Gewaltmonopol des Staates unterlaufenden Passus griffen fünf der neun Richter des Obersten Gerichts der USA zurück, als sie vorgestern eine von kommunalen Behörden der Stadt Chicago verhängte Beschränkung des privaten Waffenbesitzes außer Kraft setzten. Mit Sicherheit werden nun auch in anderen Landesteilen einschlägige Beschränkungen aufgehoben. Eine  Reprivatisierung der Waffengewalt kommt auf Touren, ein Rückfall ins Vormoderne.


Jun 16 2010

Materie und Kraft

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 23:12

Aristoteles versucht ein Phänomen metaphysisch auszuzeichnen und zu begreifen, das er durchgängig „hyle” nennt. Urtümlich bedeutet das griechische Wort „hyle” auch Nutzholz. Mit dieser Ausgangsbedeutung konnte es - in einem übertragenen Sinne - etwas viel Umfassenderes als Nutzholz bezeichnen. Cum grano salis konnte es dasjenige bedeuten, aus  dem etwas durch kraftvolles Formieren entsteht und aus dem es dann in bestimmter Form besteht. Das Material also, Stoff.  Das „hyle” genannte Material charakterisiert Aristoteles sodann als „aeides kai amorphon”[1], das heißt als träge und formlos. Und Trägheit denkt er in eins mit Kraftlosigkeit. Der Stoff, das Material sei kraftlos. Diese Bestimmung kommt durchaus folgerichtig. Soweit etwas als bloßes Material genommen, lediglich als ein der kraftvollen Formung harrender Stoff betrachtet wird, scheint es in der Tat kraftlos.

Die lateinische Philosophie überträgt den vorgefundenen  Ausdruck „hyle” bekanntlich mit „materia”. Ein Wort, das urtümlich gleichfalls unter anderem Nutzholz bedeutet. Wie sein griechisches Pendant vermag es - im übertragenen Sinne -  das Material zu meinen. Es ist nun interessant zu sehen, wie erst  Albertus Magnus und dann  Thomas von Aquin dem Material etwas zuschreiben, das die Möglichkeiten bloßen Materials und Stoffs bei weitem überschreitet. So erblickt  Thomas in   ihm das „principium individuationis”[2]. Ein ganz ähnlich anmutender Gedanke von Aristoteles hatte bereits dessen Zeitgenossen und frühe Interpreten irritiert.   Obendrein macht Thomas am Material ein „esse per creationem”[3] aus. Was aber das Prinzip der Individuation hergeben und ein Sein per Kreation aufweisen soll, kann eigentlich nicht mehr als kraftlos gelten. (mehr…)


Mai 24 2010

Craig Venter spielt nicht Gott

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 16:21

Der jüngste Erfolg von Craig Venter auf dem Arbeitsfeld der „synthetischen Biologie” verführte diverse Journalisten zu reichlich törichten Einschätzungen. Venter hätte „künstliches Leben” erzeugt, heißt es, oder doch wenigstens „künstliches Erbgut”; Venter würde  „Gott spielen”, die Rolle eines Schöpfers spielen; Venter habe etwas „kreiert”, einen „künstlichen Einzeller” nämlich, das „erste synthetische Lebewesen”. Tatsächlich hat er mit seinem Team all dies nicht gemacht, sondern folgendes.

Er hat ein vergleichsweise sehr großes und sehr komplexes Molekül nachgebaut,  hat es  aus basischen Bausteinen, wie sie auch die Natur verwendet,  in vitro synthetisiert. Eine Säure namens DNA wurde dabei mit genau der Bausteinsequenz kopiert, die schon das natürliche Urbild aufweist. Technologisch stellt das eine enorme Leistung dar, wenn man nur bedenkt, daß es sich bei dem nachgebauten DNA-Molekül um eine Sequenz mit über eine Million Bausteinen  handelt.  Und das alles in mikroskopisch winziger Größenordnung. Ferner  hat er bewiesen, daß die von ihm synthetisierte DNA-Bausteinsequenz als genau das fungiert, als was schon ihr natürliches Urbild fungiert - als sogenannter „Träger einer genetischen Information”. Das nachgebaute DNA-Molekül findet sich naturgemäß in dem Bakterium Mycoplasma mycoides und fungiert dort als „Träger des genetischen Bauplans”, nach dem dieser Einzeller wächst und sich teilt. Das im Glas synthetisierte DNA-Molekül erfüllt nachweislich die gleiche Funktion. Nachgewiesen wurde das auf folgende Weise. Man nahm sich einen verwandten Einzeller vor, das Bakterium Mycoplasma capricolum,  entfernte daraus die ihm naturgewäß eigene DNA und pflanzte ihm statt dessen die künstlich synthetisierte DNA ein. Tatsächlich begann darauf das manipulierte Bakterium, einen Lebensprozeß zu vollziehen,  zu wachsen und sich zu teilen, und zwar so, daß die Tochterzellen nicht wie Mycoplasma capricolum, sondern wie Mycoplasma mycoides beschaffen sind. (mehr…)


Mai 15 2010

Streitpunkt “Rassen”

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 16:16

Das Deutsche Institut für Menschenrechte hat im April dieses Jahres erneut vorgeschlagen, den Begriff „Rasse” aus dem Grundgesetzt zu streichen. Begründet wird das in einer Publikation des Instituts zusammenfassend mit zwei Argumenten: Erstens suggeriere der Gebrauch des Begriffs, „daß es unterschiedliche menschliche Rassen gebe”, während es in Wirklichkeit, das meint der Wortlaut offenkundig,  gar keine gibt. Zweitens sei „jede Theorie, die auf die Existenz unterschiedlicher menschlicher ‚Rassen’ abstellt, in sich rassistisch”.[1]

Das letztere Argument, wonach schon die bloße Annahme der Existenz unterschiedlicher menschlicher Rassen  per se rassistisch ausfalle,  ist gewiß falsch. Rassismus besteht nicht schon in der Behauptung der Existenz menschlicher Rassen, sondern erst in der Behauptung einer Ungleichwertigkeit zwischen ihnen. Rassistisch denkt nicht, wer annimmt, daß es menschliche Rassen gibt, rassistisch denkt, wer glaubt, daß sie sich wie minderwertige und höherwertige unterscheiden würden, wer also ein werthaltiges Niveaugefälle zwischen ihnen  behauptet. Dadurch erst diskriminiert er. Und allein der diskriminierende Diskurs über Rassen erfüllt den Begriff des Rassismus.  Es gibt aber nicht nur den diskriminierenden Diskurs über menschliche Rassen, sondern auch einen nicht diskriminierenden. Der nicht diskriminierende Diskurs ist über viele Jahrzehnte geführt worden - gegen den diskriminierenden, gegen Rassismus. Seine  logische Voraussetzung bestand und besteht in der Prämisse: es gibt Unterschiede zwischen großen Menschengruppen, die keine Ungleichwertigkeiten darstellen; es können große Menschengruppen wirklich existieren und sinnfällig sich voneinander unterscheiden, ohne sich werthaltig zu unterscheiden, ohne wie Minderwertiges und Hochwertiges zu differieren. Diese Prämisse müßte man außer Geltung setzen, wenn man bereits die schlichte Annahme der bloßen Existenz von Rassen innerhalb der menschlichen Gattung  in einer logisch halbwegs folgerichtigen Weise des Rassismus bezichtigen wollte. Konsequenterweise müßte man dann unterstellen, alle Existenz und Verschiedenheit von großen Menschengruppen sei an sich schon eine werthaltige, eine ungleichwertige. Eine solche Unterstellung aber würde geradewegs in die Totalisierung des diskriminierenden Denkens münden. (mehr…)


Apr 30 2010

Andreas Brenner: Leben

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 15:42

Andreas Brenner hat ein sehr lesenswertes Buch über das Leben geschrieben. Er gehört zu den wenigen deutschen Philosophen, die - wenn sie über die Natur philosophieren - mit den Naturwissenschaften selbstbewußt umgehen. Durchaus ein Kenner der einschlägigen naturwissenschaftlichen Theorien, ist er zugleich erfolgreich darum bemüht, diesen Theorien gegenüber einen eigenständigen philosophischen Denkanspruch geltend zu machen. Zumeist verfahren Naturphilosophen nicht so. Sie wollen unbedingt in Übereinstimmung mit naturwissenschaftlichen Befunden denken und schreiben, gestatten sich und anderen Autoren ausschließlich Aussagen, die mit solchen Befunden konform gehen, liefern sich philosophisch ungeprüften Begriffsbildungen von Biologen, Chemikern und Physikern aus, um sodann alle eigenständigen Erkenntnisansprüche des philosophischen Denkens zu verfehlen. Man rennt den Naturwissenschaften hinterher, so kommt man sich als Philosoph abhanden. Anders der Autor des neuen  Buches über das Leben. Gleich zu Beginn wird dort der unter Naturwissenschaftlern verbreitete Anspruch, die Natur labormäßig erkennen zu können, gebührend relativiert. „Die Natur kann im Labor schon deshalb nicht erkannt werden, weil sie in der Vorbereitung für die Untersuchung im Labor präpariert und damit zu einem gewissen Grad entnaturalisiert wird.” (S. 15). (mehr…)


Apr 27 2010

Das stoische Selbst ist noch nicht Subjekt

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 10:20

Was ist ein Subjekt? Das Selbst als Substanz und die Substanz als Selbst; das Selbst, das zugleich Substanz wird. Genau dies wird und ist das stoische Selbst noch nicht. Die Seele, als welche das stoische Selbst sich vornehmlich versteht, besteht nicht substantiell, sondern an etwas. Denn sie ist ein „Stück”, ein „Teil” Gottes, wie Epiktet [1] sagt, ist direkt ein göttliches Wesen, das jedem Einzelnen von eben diesem Wesen zufloß, wie es bei Marc Aurel[2] heißt. Nachdem Seneca in der Vernunft den „besten Teil seines Selbst ausgemacht hat, versichert er von diesem Teil des Selbst, nichts anderes zu sein „als ein in den menschlichen Körper gesenkter Teil des göttlichen Geistes.[3] So findet sich das stoische Selbst quasi pantheistisch eingebettet, es besteht an etwas statt eigenständig, und derart eingebettet kann es folgerichtig beschwören, wie nahtlos doch Selbstliebe und  Kosmosverehrung, Selbstliebe und Gottesliebe zusammenfallen, wie bruchlos ein Leben nach sich selbst und die inbrünstige Einfügung in die kosmische Wohlordnung zusammenstimmen.


[1] Epiktet, Unterredungen I, 14. [2] Marc Aurel, Wege zu sich selbst XII, 26. [3] Seneca, Ad Lucilium 66, 12.


Mär 27 2010

Substanz

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 14:51

Der Gebrauch des Begriffs „Substanz” folgt zwei verschiedenen Übersetzungstraditionen. Der einen Tradition zufolge bildet „Substanz” bzw. die (von dem  römischen Rhetoriker Quintilian geschaffene) lateinische Vorgängerlautung „substantia” direkt das Pendant zu dem griechischen  Wort „ousia”, das vor allem Aristoteles ausführlich expliziert hat, insbesondere in seiner Kategorienschrift und Metaphysik. „Substantia” = „ousia”, unter dieser Voraussetzung werden dann alle Aussagen, die Aristoteles unter dem  Begriff „ousia” versammelt hat, als Bestimmungen der Substanz gelesen, gedeutet und gedacht. Nun soll „ousia” auch soviel wie Wesen bedeuten. Als die eigentliche Entsprechung für den griechischen Ausdruck „ousia” unterstellt,  wird  darum der Begriff der Substanz in dieser Tradition weithin ungeschiedenen  von dem des Wesens verwandt. - Es gibt noch eine andere Tradition. Deren Ansatz findet  sich ausformuliert spätestens in des Thomas von Aquin Erstlingswerk  „Über das Seiende und das Wesen”.  Danach gilt es, „substantia” wohlweislich zu scheiden von „essentia” („Wesen”), von einer  Begriffsbildung also, die auf Cicero zurückgehen soll; Seneca benennt ihn als „Urheber”.[1] Und dem  griechischen Wort „ousia” entspreche auf seiten des Lateinischen gerade nicht „substantia”, sondern „essentia”. „Usia ist … bei den Griechen dasselbe wie bei uns essentia”, bescheidet Thomas.[2] „Ousia” = „essentia”, unter dieser Voraussetzung können dann all die Aussagen, die Aristoteles an den markierten Textstellen mit dem Begriff „ousia” notwendig verknüpft hat, natürlich nicht unbedingt wie Bestimmungen der Substanz gelesen, zunächst einmal können sie nur als Bestimmungen von „essentia”, von „Wesen” gedeutet werden.  Die Substanz-Begrifflichkeit bietet sich  in dieser zweiten Traditionslinie weniger wie eine Auslegung antik griechischer Texte als vielmehr wie eine eigenständige Schöpfung des lateinischen Philosophierens dar. (mehr…)


Mär 08 2010

Das Element des Raumes

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 12:31

Das Element des Raumes ist die Ausdehnung. Um es möglichst bündig zu formulieren: räumlich = in extensio. Aber wie hat man die Ausdehnung zu begreifen?

Das belassende Differieren und Wiederholen macht die Ausdehnung aus. Und was meint wieder der unvertraute Ausdruck „das belassende Differieren und Wiederholen”? Er meint etwas, das bei der Zeit, bei der eigentlichen,  noch vollständig ausbleibt. Typisch zeitlich geschehen Differieren und Wiederholen folgendermaßen: Ein Ereignis differiert zu einem anderen Ereignis, und dann gibt es das erstere nicht mehr. Ein Ereignis wiederholt ein Ereignis, und dann wird es das wiederholte Ereignis gerade durch sein Wiederholen nicht mehr geben. Differenz und Wiederholung lassen hier das Eine und das Wiederholte zum nicht mehr Gegebenen abschatten. Wenngleich es schon wichtig ist, daß etwas nicht mehr Gegebenes alles andere als einfach nicht gegeben ist. Im Kontrast dazu das belassende Wiederholen und Differieren. Das eine Ereignis differiert zum anderen Ereignis, und zwar so, daß dabei das erstere belassen wird. Ein Ereignis wiederholt ein Ereignis, und zwar so, daß das wiederholte belassen wird. All dies ereignet sich, es geschieht in der Zeit, es muß also auch bei dem Belassen irgend etwas zum nicht mehr Gegebene wegtreten. Aber was da ins nicht mehr Gegebene herabsinkt, ist nun lediglich das noch nicht um das andere Ereignis ergänzte Ereignis, das noch nicht um seine Wiederholung ergänzte Ereignis. Im Gefolge des belassenden Wiederholens und Differierens gibt es mithin das Eine und das Andere, das Wiederholte und das Wiederholende gleichzeitig. Das Eine und das Andere, das Wiederholte und das Wiederholende konfigurieren nun. Nicht mehr gibt es dann das Eine ohne das Andere, das zu Wiederholende ohne seine Wiederholung. Das macht den belassenden Charakter der Ausdehnung aus.

Ausdehnung als kraftvoll. In Gestalt der Ausdehnung geht das Werden über sich hinaus, und zwar per se. Per se, das heißt vermittels seiner eigenen Kraft. Diese Kraft erweist sich als das Vermögen zum Belassen. Kraft führt mitten im zeitlichen Differieren und Wiederholen über dieses hinaus, hin zu einem belassenden Differieren und Wiederholen, hin zur Ausdehnung. Von daher bildet die aktive Kraft, wie Leibniz formuliert, ein “der Ausdehnung vorausgehendes Prinzip”.[1] Ohne Kraft keine Ausdehnung, kein Raum, heißt es in einer frühen Schrift von Immanuel Kant.[2] Schon deshalb kann es den absolut leeren Raum nicht geben; noch die Leere strotzt vor Kraft. “Alles ist Kraft”, sagt Friedrich Nietzsche.[3] Möglich, daß einem - wie weiland Oswald Spengler[4] - am Ende das Wort „Kraft” als der treffendere, weil weniger abstrakte Ausdruck für Raum  erscheint. (mehr…)


Feb 10 2010

Luxurieren als metaphysische Denkfigur

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 13:03

Die Neuplatoniker prägten eine markante Denkfigur. Plotin, der die Schule des Neuplatonismus begründete und von ca. 205 bis ca. 270 lebte, hat diese Denkfigur kreiert. Erstmals bot er sie bei dem Versuch auf, die urtümliche Genese des Alls zu begreifen. Daß alles aus Einem hervorgegangen sein muß, war ihm bereits gewiß. Aber wie konnte alles aus dem Einen hervorgehen, wie aus einem Einfachen all das Vielgestaltige werden, das sich zum Universum ausgebreitet und gefügt hat? Seine Antwort: Indem jenes Eine unbeschadet seiner Einfachheit doch “von einer vollkommenen Fülle ist - es sucht ja nichts, hat nichts, braucht nichts - so ist es einfach übergeflossen, und seine Überfülle hat das Andere hervorgebracht.” (Plotin, Enn. V 2, 1) Aus dem Einen konnte alles andere werden, weil und insofern es eine Überfülle ausmacht und als solche einfach überschießen muß - hinein ins Viele.

Proklos (412 - 458) wandte den Gedanken nicht nur auf das urtümliche Werden, sondern auf jegliches Hervorbringen an. „Jedes Hervorbringende bringt das Zweite vermittels seiner Vollkommenheit und des Überschusses an Kraft hervor” (Proklos, Stoicheiosis Theologike. Grundkurs über Einheit, übers., eingel. u. komm. v. E. Sonderegger, Kap. 27). Außerdem legte Proklos den Gedanken näher aus; er profilierte die übernommene Denkfigur schärfer, in dem er herauskehrte, worauf es bei ihr ankommt. Erstens. Um hervorbringen zu können, reicht dem Hervorbringenden nicht einfach eine Fülle. Denn „das Volle ist nur selbstgenügsam, nicht aber geeignet zur Weitergabe. Übervoll muß also das anderes Erfüllende sein und das anderem seine Ausstattungen Darbietende.” (Ebenda, Kap. 131). Zweitens. Indem das Hervorbringende gerade vermittels einer Überfülle etwas hervorbringt, geht es keineswegs im Hervorgebrachten auf, schon gar nicht verliert es sich darin. Es „stellt das Zweite auf, unbewegt und unvermindert, es bleibt selbst, was es eigentlich ist, und weder verändert es sich in jenes noch wird es geringer. Denn das Hervorgebrachte ist kein abgetrennter Teil des Hervorbringenden; weder durch Werden hat es dies entsandt noch durch Gründe wie beim Erzeugen. Es findet auch kein Übergang statt; … das Hervorbringende wird nämlich nicht Hyle [Stoff] des Hervorgehenden; es bleibt vielmehr, was es eigentlich ist, und das Hervorgebrachte ist etwas anderes neben ihm.” (Ebenda, Kap. 27). Drittens schließlich gelte es noch folgendes herauszukehren: daß „jedes Volle aus sich selbst hervorbringt gemäß seiner übervollen Kraft.” (Ebenda, Kap. 152). Mit anderen Worten; indem etwas kraft Überfülle hervorbringt, bringt es das von sich aus, per se, aus sich selbst hervor.

Pseydo-Dionysius Areopagita schließt in seinem Philosophieren ausdrücklich bei dem des Proklos an. Über ihn vor allem geht jene Denkfigur in die Patristik ein, in das kirchenväterliche Philosophieren und Theologisieren. Zu Beginn des 6. Jahrhunderts muß sich das zugetragen haben. Seine Texte hat er auf alle Fälle nach 500 und vor 539 verfaßt. An einer Textstelle charakterisiert er das Eine, an dem schon Plotin besonders gelegen war, als die „nicht zu füllende Überfülle” bzw. als die „nicht zu erfüllende Überfülle”. Vermittels dieser Überfülle habe es jedes Einzelne und jegliche Vielheit erschaffen, vollendet und zusammengehalten (Pseydo-Dionysius Areopagita, De devinis nomibus, cap. II. 11, 649 C). (mehr…)


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