Aug 07 2016

Geist (spiritus)

Category: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 12:04

Der Geist, den das Thema aufruft, hat seinen logischen Ort innerhalb einer vierstelligen Unterscheidung. 1. Das Sinnliche. Sinnlich sind alle Körper, von den Elementarteilchen über die Atome und Moleküle bis hin zu den Himmelskörpern. 2. Das Nichtsinnliche, die Negation des Sinnlichen. Das ist die Leere. 3. Das Unsinnliche, die Pejoration des Sinnlichen. Darunter fällt alles, was sich nur mittelbar sinnlich darstellt, insbesondere die Gesetze, die nur an den von ihnen regierten Körperprozessen und vermittels derselben sinnlich in Erscheinung treten. 4. schließlich: Das Übersinnliche. Das ist der Geist, und zwar der Geist im Sinne von spiritus, noch nicht im Sinne von mens. Anders als  das in der Geistphilosophie zumeist geschieht, reduziere ich den Geist nicht auf den mentalen, sondern unterscheide vom mentalen einen spirituellen Geist. Letzterer ist noch kein Denken, kein Bewußtsein, noch nicht einmal ein Wahrnehmen, und doch geistig weil übersinnlich.

Das Phänomen. Spiritueller Geist taucht naturgeschichtlich spätestens im Zusammenhang mit gewissen molekularen Körpern auf. Bei diesen Körpern handelt es sich um sogenannte Makromoleküle, insbesondere um die als DNA und als Protein bezeichneten Moleküle. Der fragliche Geist steht gleichsam hinter einer eigentümlichen und bis heute durchaus geheimnisvollen Beziehung zwischen den beiden. Fachwissenschaftlich wird die Beziehung vornehmlich von der Genetik untersucht. In deren Sprache läßt sie sich etwa so beschreiben: Die DNA hat vier Nucleotidbasen zu Bausteinen. Jeweils drei der vier Bausteine bilden eine Dreiergruppe, die auch Triplett genannt wird. Indem sich die Bausteine unterschiedlich mischen, ergeben sich unterschiedliche Dreiergruppen. Diese Dreiergruppen sind ihrerseits wieder zu Sequenzen aufgereiht, sagen wir der Einfachheit halber, zu Bausteinsequenzen der DNA. Und je nachdem, in welcher Abfolge die Dreiergruppen sich reihen, ergeben sich unterschiedlich Bausteinsequenzen der DNA. Als solche erlangen sie nun eine Bedeutung für die Einweißbildung, für die Proteinsynthese. Eiweiß hat zwanzig Aminosäuren zu Bausteinen. Jede der Aminosäuren, so heißt es, entspricht einer bestimmten Dreiergruppe auf seiten der DNA. Unter dieser Voraussetzung ergeben sich Bezüge wie die nachstehenden. „Die Nukleinsäure bestimmt die Sequenz des Proteins. Die Reihenfolge der Bausteine in der Nukleinsäure bestimmt diejenige im Protein.” (Francois Jacob, Logik des Lebenden, Frankfurt am Main 1972, S. 293). Und die jeweiligen Aminosäurensequenzen in den Proteinen wiederum bestimmen das Erscheinungsbild und das Verhalten eines Lebewesens. „Die DNA macht die RNA macht das Protein macht das Individuum” (Christian DeDuve, Ursprung des Lebens, Heidelberg-Berlin-Oxford 1994, S. 31). – Das sind Bezüge, deren Vergewisserung eigentlich zu Einsichten in den spirituellen Geist hinführen kann. Der fachwissenschaftliche Diskurs meidet, soweit ich sehe, diesen Weg. Dafür operiert er auffallend häufig mit metaphorisch gemeinten bzw. nur zu Metaphern tauglichen und oft genug auch ausdrücklich apostrophierten Ausdrücken, mit Ausdrücken wie „genetischer Code”, „genetisches Wörterbuch”, „Protein-Nuclein-Wörterbuch”. Fragt man sich aber, worum es sich bei den so umschriebenen Bezügen eigentlich und nicht bloß im übertragenen Sinne handelt, gelangt man schrittweise zu dem Gedanken an einen prämentalen Geist. (weiterlesen …)


Mrz 13 2016

Wer ist dumm?

Category: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 16:35

Ist Dummheit gleichbedeutend mit Mangel an Bildung und Intelligenz? Es gibt einen Vortrag von Robert Musil über Dummheit. Dort heißt es an einer Stelle, die Dummheit bestehe nicht im Mangel an Verstand, sondern im Aussetzen des Verstandes. Wann setzt ein eigentlich reichlich vorhandener Verstand aus? Vor allem dann, wenn die Eitelkeit die Zügel schießt. Die sorgt unfehlbar dafür, daß man seine Grenzen verkennt. Und genau  damit hebt Dummheit an. Wer wenig Bildung  und einen geringen Intelligenzquotienten hat, ist nicht schon deshalb dumm. Dumm ist jemand, weil und insofern er seine Grenzen verkennt, obwohl er intelligent und gebildet genug ist, seine Grenzen zu kennen.


Okt 28 2015

Das Element des Raumes

Category: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 15:19

Das Element des Raumes ist die Ausdehnung. Um es möglichst bündig zu formulieren: räumlich = in extensio. Aber wie hat man die Ausdehnung zu begreifen?

Das belassende Differieren und Wiederholen macht die Ausdehnung aus. Und was meint wieder der unvertraute Ausdruck „das belassende Differieren und Wiederholen”? Er meint etwas, das bei der Zeit, bei der eigentlichen,  noch vollständig ausbleibt. Typisch zeitlich geschehen Differieren und Wiederholen folgendermaßen: Ein Ereignis differiert zu einem anderen Ereignis, und dann gibt es das erstere nicht mehr. Ein Ereignis wiederholt ein Ereignis, und dann wird es das wiederholte Ereignis gerade durch sein Wiederholen nicht mehr geben. Differenz und Wiederholung lassen hier das Eine und das Wiederholte zum nicht mehr Gegebenen abschatten. Wenngleich es schon wichtig ist, daß etwas nicht mehr Gegebenes alles andere als einfach nicht gegeben ist. Im Kontrast dazu das belassende Wiederholen und Differieren. Das eine Ereignis differiert zum anderen Ereignis, und zwar so, daß dabei das erstere belassen wird. Ein Ereignis wiederholt ein Ereignis, und zwar so, daß das wiederholte belassen wird. All dies ereignet sich, es geschieht in der Zeit, es muß also auch bei dem Belassen irgend etwas zum nicht mehr Gegebene wegtreten. Aber was da ins nicht mehr Gegebene herabsinkt, ist nun lediglich das noch nicht um das andere Ereignis ergänzte Ereignis, das noch nicht um seine Wiederholung ergänzte Ereignis. Im Gefolge des belassenden Wiederholens und Differierens gibt es mithin das Eine und das Andere, das Wiederholte und das Wiederholende gleichzeitig. Das Eine und das Andere, das Wiederholte und das Wiederholende konfigurieren nun. Nicht mehr gibt es dann das Eine ohne das Andere, das zu Wiederholende ohne seine Wiederholung. Das macht den belassenden Charakter der Ausdehnung aus.

Ausdehnung als kraftvoll. In Gestalt der Ausdehnung geht das Werden über sich hinaus, und zwar per se. Per se, das heißt vermittels seiner eigenen Kraft. Diese Kraft erweist sich als das Vermögen zum Belassen. Kraft führt mitten im zeitlichen Differieren und Wiederholen über dieses hinaus, hin zu einem belassenden Differieren und Wiederholen, hin zur Ausdehnung. Von daher bildet die aktive Kraft, wie Leibniz formuliert, ein “der Ausdehnung vorausgehendes Prinzip”.[1] Ohne Kraft keine Ausdehnung, kein Raum, heißt es in einer frühen Schrift von Immanuel Kant.[2] Schon deshalb kann es den absolut leeren Raum nicht geben; noch die Leere strotzt vor Kraft. “Alles ist Kraft”, sagt Friedrich Nietzsche.[3] Möglich, daß einem – wie weiland Oswald Spengler[4] – am Ende das Wort „Kraft” als der treffendere, weil weniger abstrakte Ausdruck für Raum  erscheint. (weiterlesen …)


Sep 30 2015

Lust am Leiden

Category: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 11:44

Was ist Grausamkeit? Sie ist die Lust am Leiden – nicht schon das Leiden und Leidzufügen überhaupt, auch nicht das besonders schmerzliche, extreme, schreckliche Leiden und Leidzufügen, sondern erst die Lust am Leiden. Die paradoxe Verknüpfung von Lust und Leid macht das eigentümliche Wesen der Grausamkeit aus. Sie hat viele Gesichter. Lust am Leiden – das kann zum einen die am fremden oder die am eigenen Leiden sein. Zum anderen kann sie am physischen oder am seelischen Leiden empfunden werden. Schließlich kann Grausamkeit noch die Lust am eigens zugefügten Leiden oder die am bloß erlebten Leiden sein.

Grausamkeit hat Abkömmlinge.  Am nächsten steht ihr die Schadenfreude. Das Wort „Schadenfreude” ist im Deutschen das einzige Wort, das explizit die Struktur der Grausamkeit zum Ausdruck bringt. Schadenfreude = Freude am Schaden = Lust am Leiden. So bruchlos, wie hier die strukturelle Übereinstimmung ausfällt, muß es sich bei der Schadenfreude zweifellos um einen direkten Ableger der Grausamkeit handeln. Und wenn wir nun der Schadenfreude auch nur ein wenig nachspüren und nachgehen, finden wir, wie in ihrer Gestalt die Lust am Leiden plötzlich in Sphären der Kultur auftaucht, die mit Grausamkeit am allerwenigsten zu tun zu haben scheinen.

Es gibt die Schadenfreude nämlich nicht allein als eine individuelle Verhaltensweise. Daran denkt man ja zunächst bei ihr – an ein Verhalten des Einzelnen oder von einzelnen Mitmenschen. Es gibt die Schadenfreude auch in einer kollektiven Form, als eine kollektive, rational organisierte und sogar ritualisierte Schadenfreude. Um kollektive Schadenfreude handelt es sich nicht zuletzt bei den für unsere Kultur überaus bedeutsamen Siegesfeiern. Eine sportlich, politisch, militärisch oder sonstwie motivierte Siegesfeier ist fast immer auch das Feiern einer Niederlage. Man feiert mit dem eigenen Sieg zugleich die Niederlage eines sportlichen Kontrahenten, eines wirtschaftlichen Konkurrenten, eines politischen Gegners, eines militärischen Feindes. (weiterlesen …)


Aug 31 2015

Lebloses, Entropie, Lebendiges

Category: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 9:06

In den Naturwissenschaften hat es schon eine gewisse Tradition, Lebendiges und Lebloses, Lebewesen und prävitale Wesen im Lichte des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik voneinander unterscheiden zu wollen.

Was den urtümlich von Rudolf Clausius formulierten Hauptsatz selbst betrifft, so nehme ich ihn in der üblichen Weise als einen Satz, der das „Gesetz von der Zunahme der Entropie” beschreibt. Mit den Worten von Ilya Prigogine gesagt, impliziert er „die Existenz einer Funktion S, der Entropie, die so lange monoton wächst, bis sie im thermodynamischen Gleichgewichtszustand ihr Maximum erreicht” (Vom Sein zum Werden, München – Zürich 1988, S. 29).

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde wiederholt versucht, unter Berufung auf den viel besprochenen Satz eine fundamentale Differenz zwischen Leblosem und Lebendigem nachzuzeichnen. Damit begonnen hat meines Wissens Felix Auerbach innerhalb seines 1910 erstmals erschienenen Textes „Ektropismus und die physikalische Theorie des Lebens” (Leipzig 1910). Dort wird eine den leblosen Körpern eigentümliche Tendenz sowie eine den Lebewesen eigentümliche Tendenz ausgemacht und die eine von der anderen geschieden. Die Tendenz lebloser Körper sei die zur Zunahme der Entropie, während die den Lebewesen eigentümliche Tendenz als „vitaler Ektropismus” bezeichnet wird. Lebloses als von Grund auf entropisch, Vitales als ektropisch. Auf seiten der Philosophie hat sich als erster Helmuth Plessner solchen Thesen gestellt. In seinem 1928 erstveröffentlichten Buch „Die Stufen des Organischen und der Mensch” referiert er Auerbach wie eine sichere Quelle. „Während alles physische Sein dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, dem Prinzip der Entropie unterliege, wonach bei allen energetischen Umsetzungen Wärme frei wird, die Gesamtenergie des Weltalls also einem Minimum zustrebt (Kältetod), sei Leben energiesteigernd und -bindend, ektropisch. Nur aus diesem Prinzip der Ektropie sei überhaupt Entwicklung zu begreifen.”  (Berlin – New York 1975, S. 198). Im Gegensatz zum Leblosen sei das Leben energiesteigernd und energiebindend und diesen Sinnes ektropisch. (weiterlesen …)


Jul 28 2015

Ein Wort für den Vitalismus

Category: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 22:21

Die heftige, fast schon militante Abneigung zeitgenössischer Biologen gegen den Vitalismus hat etwas Unheimliches an sich. Daß man  die Begriffsbildung vis vitalis verwirft, läßt sich noch nachvollziehen – sie stammt von den Alchimisten. Aber wie sollte  dem Leben und Lebewesen eine eigentümliche Lebenskraft (Vitalität, vitalitas) abgesprochen werden können, die  aus (physikalischen und chemischen) Energien sich nährt, zugleich über Energie hinausgeht und sich gegebenenfalls als Zeugungskraft (genius), Kraft der Triebe, Willenskraft usw. geltend macht.

Was versteht man unter Vitalismus? Die “Anschauung, daß sich belebte Materie wesensmäßig von unbelebter Materie unterscheidet” (John Maddox, Was zu entdecken bleibt, Ffm 2000, S. 149). Die Verwerfung des Vitalismus muß mithin behaupten, belebte Materie würde sich nicht “wesensmäßig” von unbelebter Materie unterscheiden.

Als ich diese Verwerfung kritisch zu überprüfen begann, glaubte ich zunächst, es gelte zu ergründen, ob sich die belebte Materie nicht doch von der unbelebten wesensmäßig unterscheidet. So fragend, hatte ich mich allerdings auf eine ungereimte Wortfügung eingelassen, auf die  Fügung belebte Materie. Sie unterstellt, es gäbe zwei Arten der Materie, unbelebt die eine, belebt die andere. Und das ist falsch. Von daher stammt auch die Verwechslung der Leiber mit einer Art von Körpern. Mittlerweile scheide ich so: Es gibt die Materien, die au fond stets und überall noch nicht vital sind, und es gibt die Materialisierungen, die sich allein bei Lebewesen finden. Materie und Materialisierungen – um diese Differenz handelt es sich.

Jede Zelle, jeder Organismus, jedes Lebewesen macht eine Materialisierung aus. Und das heißt: die Verwirklichung einer sogenannten genetischen Information, die Realisierung einer Idee in Materien. Durch dieses Verwirklichen, Realisieren stellen Materialisierungen etwas wesentlich anderes als Materien dar, unbeschadet der Tatsache, daß sie ihrer stets bedürfen, und ohne mit dem Gebilde einer belebten Materie verwechselt werden zu können. Von daher läßt sich das antivitalistische Reden über das Vitale  kritisieren.

Abb.: Hendrick De Clerk, Die Lebenskraft des Menschen


Mai 31 2015

Vom Werden des Lebens

Category: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 14:16

Zwei Thesen über das Werden des Lebens sind in den einschlägigen Wissenschaften verbreitet. Die eine besagt: Omne vivum ex vivo, alles Leben wird aus Leben. Eine Formel, die auch als Gesetz der Biogenese gilt. In dieser Formel faßte man im 19. Jahrhundert empirische Befunde zusammen, die Louis Pasteur und andere Forscher erhoben hatten. Sie zeigten, daß Lebewesen, von denen man bis dahin glaubte, sie würden spontan aus lebloser Materie entstehen, in Wahrheit aus lebendigen Vorgängern hervorgegangen sind. Womit bewiesen war, alles Leben wird aus Leben. Rudolf Virchow hat die mittlerweile schon klassische Formel noch um eine weitere ergänzt: Omnis cellula e cellula, jede Zelle wird aus einer Zelle. „Wo eine Zelle entsteht, da muß eine Zelle vorangegangen sein (omnis cellula e cellula), ebenso wie das Tier nur aus einem Tiere, eine Pflanze nur aus einer Pflanze entstehen kann.” (Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre, Berlin 1871, S. 24). Soweit die eine These. Zu ihr findet sich nun noch eine Art Gegenthese. Ihrem Ansatz nach beinhaltet die Gegenthese den folgenden Gedanken. Es muß ein Werden des Lebens überhaupt geben, ein genuines Werden des Lebens, und das Werden des Lebens überhaupt, kann offenkundig nicht ein Werden aus Leben sein. Aber wie versteht sich solches Werden, wenn es kein Werden aus Leben sein kann? An diesem Fragepunkt angelangt, reklamiert man oft eine „Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie”, um hier eine Formulierung von Ernst Mayr zu bevorzugen (Das ist Biologie, Heidelberg-Berlin 1998, S. 238). Die Behauptung einer Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie gilt auch als zentrale Formel der sogenannten Abiogenese. Gelegentlich werden beide Thesen sogar zugleich, im gleichen Kontext behauptet. So etwa von Francois Jacob. Einerseits akzeptiert er, daß „das Organische zum Lebenden” geworden sein muß, auch wenn „jene Reihe von Ereignissen schwer zu verstehen ist, die das Organische zum Lebenden werden ließ.” Im gleichen Text formuliert er andererseits: „Das Leben geht aus dem Leben hervor, und einzig aus ihm.” (Die Logik des Lebenden, Frankfurt am Main 1972, S. 138, 323). Leben soll also aus dem Organischen, das heißt aus lebloser, molekularer Materie geworden sein und zugleich doch einzig und allein aus Lebendigem werden können. Spätestens dann, wenn beide Gedanken im gleichen Kontext auftauchen, quasi direkt aufeinander treffen, und auch noch eine so bündige Formulierung erfahren wie durch Jacob, wird es bereits fühlbar, wie logisch spannungsvoll sie zueinander stehen. Wie soll Leben aus leblosen organischen Substanzen geworden sein können, wenn es zugleich doch einzig und allein aus anderem Leben hervorgehen können soll? Das ist – wenigstens in der nachlesbar formulierten Weise -  unmöglich.

Das Aporem vom Werden des Leben. Dennoch kann die problematische Aussagenverknüpfung schwerlich wie barer Unsinn verworfen werden. Denn die These und zumindest der Ansatz der Gegenthese muten doch unbestreitbar an. Wie wollte man die These „Omne vivum ex vivo” bestreiten, wie bestreiten, daß jede Zelle allein aus etwas geworden sein kann, das ebenfalls eine Zelle ausmacht. Niemals hat irgend jemand ein Leben vorgefunden und untersucht, daß aus etwas anderem geworden wäre als aus anderem Leben. Ebenso unbestreitbar nimmt sich der gedankliche Ansatz der Gegenthese aus, wonach es ein genuines Werden des Lebens geben muß, daß offenkundig kein Werden aus Leben sein kann. Das muß unweigerlich angenommen werden. Dazu verpflichtet schon die gerade verteidigte These. Inwiefern nämlich verpflichtet die These dazu? Insofern als sie ansonsten in einen regressus in indefinitum mündet, der auf folgerichtige Weise nicht durchgeführt werden kann. Auf sich allein gestellt, müßte sie in eine endlos oft zu wiederholende Zurückführung münden. Eine Zelle kann nur aus einer anderen geworden sein, diese Zelle ebenfalls nur aus einer weiteren anderen Zelle, die ihrerseits (weiterlesen …)


Apr 29 2015

Idealismus und Realismus als Raumideen

Category: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 12:57

Es gibt einen Topos, den Ernst Bloch mit unüberlesbarer Ironie wie folgt beschreibt. “Wie einfach scheint es, daß man in sich sitzt und heraussieht. Das Ich wohnt innen, umgrenzt von der Haut, die sonst nicht umsonst eigene Haut heißt. Außerhalb ihrer, in dem, was dadurch Draußen heißt, wohnen die Dinge. In einem Raum ohne uns, durch den wir stets wie besucherisch hindurchgehen, auch mit eigener Hand eingreifen.” (Tübinger Einleitung in die Philosophie, Bd. 1, Frankfurt am Main 1965, S. 35). Recht durchdringend wirkt an dem nachgezeichneten Gemeinplatz die Innen-Außen-Unterscheidung. Das Ich mit seinem Wahrnehmen finde sich innen, die wahrzunehmenden Dinge befänden sich im “Draußen“. So simpel sich das in der zitierten Beschreibung auch ausnimmt, entlang der nämlichen Innen-Außen-Scheidung entfaltete sich im neuzeitlichen Philosophieren nichts Geringeres als die Opposition von Idealismus und Realismus. Was diese Opposition betrifft, darf ich an eine von Rudolf Carnap vorgenommene und bis heute immer wieder bemühte thesenförmige Profilierung der beiden philosophischen Grundrichtungen erinnern. Danach behauptet der Realist: “die mich umgebenden, wahrgenommenen, körperlichen Dinge sind nicht nur Inhalt meiner Wahrnehmung, sondern sie existieren außerdem an sich (‘Realität der Außenwelt‘)”. Während der Idealist behauptet: “real ist nicht die Außenwelt selbst, sondern nur die Wahrnehmungen oder Vorstellungen von ihr (‘Nichtrealität der Außenwelt‘)”. (Scheinprobleme der Philosophie, Frankfurt am Main 1966, S. 60). So stellt sich die fragliche Opposition in Thesenform dar. Was geschieht näher besehen bei der Entscheidung für die eine oder die andere Grundrichtung?

Erstens gewahrt man wahrzunehmende Dinge, die zu einer Welt konfigurieren, welche als Außenwelt angesetzt wird.

Zweitens unterscheidet man von der Außenwelt das Wahrnehmen derselben. Ob dieser Unterschied dann realistisch oder idealistisch interpretiert wird, jede der möglichen Interpretationen unterstellt ihn.

Drittens. Im Kern besteht die Richtungsentscheidung darin, die Außenwelt, diese Konfiguration wahrzunehmender Dinge, zu statuieren: Existiert sie real oder nicht? Existiert sie an sich, also auch ohne mich – wie das der von Carnap präsentierte Realist ausdrücklich bejaht – oder existiert sie nicht an sich, sondern – das wäre die folgerichtige Ergänzung – nur für mich, nur für das Wahrnehmen und den Wahrnehmenden. (weiterlesen …)


Mrz 30 2015

Der transzendental idealistische Raum

Category: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 11:46

Immanuel Kant hat bekanntlich einen besonderen Idealismus gestiftet,  einen transzendentalen, den er vom überkommenen Idealismus wie von einem materialen unterschied. Danach sind Raum und Zeit Anschauungsformen, Vorstellungsarten. Das heißt, Raum und Zeit existieren nicht an sich, sondern nur für uns. Sie sind „nichts an sich selbst und außer meinen Vorstellungen Existierendes, sondern selbst nur Vorstellungsarten” (Prolegomena, Kants gesammelte Schriften, Bd. IV, S. 341/42). Analoges gilt für jedes räumlich Gegebene, für alles räumlich Beschaffene, für jeglichen Gegenstand in Raum und Zeit. „Wenn ich von Gegenständen in Zeit und Raum rede”, sagt Kant, „so rede ich nicht von Dingen an sich selbst, darum weil ich von diesen nichts weiß, sondern nur von Dingen in der Erscheinung, d. i. von der Erfahrung als einer besondern Erkenntnißart der Objecte, die dem Menschen allein vergönnt ist.” (Ebenda, S. 341). Beliebige Dinge können also räumlich gegeben sein, räumlich beschaffen sein, im Raum sein nur als Erscheinungen, allein in der Form, in welcher sie uns erscheinen und von uns vorgestellt werden, ausschließlich als Gegenstände der Erfahrung. Nur für uns. Wie dagegen die Dinge, auf die unsere Vorstellungen und Begriffe Bezug nehmen, an sich selbst beschaffen und gegeben sind, können wir nicht wissen; es läßt sich lediglich negativ von ihnen sagen, daß sie mit Sicherheit nicht räumlich gegeben und beschaffen sind. Alles Räumliche ist ein solches nur für uns, und wie immer die Dinge an sich selbst beschaffen sein mögen, auf alle Fälle nicht räumlich.

Also bestehen gar keine äußeren Gegenstände, keine außer uns befindlichen? Sie bestehen sehr wohl, nur eben nicht wie etwas an sich Seiendes. Es „sind uns Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein von dem, was sie an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Erscheinungen, d. i. die Vorstellungen, die sie in uns wirken, indem sie unsere Sinne afficiren.” (Ebenda, S. 289). Ganz merkwürdige räumliche Gebilde zeichnen sich da ab: Dinge, die – so wie sie uns und nur uns gegeben sind – dennoch als außer uns befindliche Gegenstände gegeben sind. Betrachten wir sie genauer. Das sind nicht einfach äußere Dinge und nicht etwa Dinge außerhalb der Erfahrung. Es sind Gegenstände der Erfahrung, und alle Gegenstände der Erfahrung sind „nur in der Erfahrung gegeben und existiren außer derselben gar nicht.” (Kritik der reinen Vernunft, Kants gesammelte Schriften, Bd. III, S. 339). Mehr noch. So etwas wie ein Außer-der-Erfahrung kann es – unter den eingangs markierten Voraussetzungen – gar nicht geben. Zwar lassen sich von den Erfahrungsgegenständen und Erscheinungen, durchaus die Dinge, wie sie an sich selbst sind, unterscheiden, aber diese Dinge können sich doch weder außerhalb noch innerhalb von irgendwas befinden, weil ihnen Räumlichkeit schlechthin und überhaupt abgeht. Ein Mißverständnis, zu sagen, die Dinge an sich selbst befänden sich außer der Erfahrung. Und wie jegliches Außer-der-Erfahrung beim transzendental idealistischen Raum schlechtweg unmöglich ist, so befinden sich auch „außer uns befindliche Gegenstände der Sinne” keineswegs außer der Erfahrung. Allein in der Erfahrung können Dinge als außer uns befindliche Gegenstände gegeben sein. Wie ist das möglich? Wie verträgt sich dieses „außer uns” mit jenem „in”? Durch eine Asymmetrie von Dasein und Sosein. Das eine ist es, wie die fraglichen Gegenstände gegeben sind, das andere, als was sie gegeben sind. Da sind sie ausschließlich in der Erfahrung. Und als was sind sie da? Als außer uns befindliche. So sind sie. Ihre Befindlichkeit außer uns ist reines Sosein, im Unterschied zu ihrem Dasein, zu ihrer Gegebenheit in der Erfahrung. Diese Asymmetrie von Dasein und Sosein charakterisiert den transzendental idealistischen Raum recht weitgehend. (weiterlesen …)


Jan 31 2015

Die Figur des Lebens

Category: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 12:24

Was ist dem Leben eigentümlich, was zeichnet Lebewesen aus? Unter Philosophen und Biowissenschaftlern gibt es eine starke Neigung, auf die Frage mit der Hervorhebung von gewissen Selbstbeziehungen zu antworten. Etwa mit dem Verweis auf Selbsterhaltung. Bereits die älteren Stoiker behaupteten, der erste Trieb, der sich bei Lebewesen regt, sei der der Selbsterhaltung (Diog. Laert., Vitae philos. VII, 85). Heutigentags ist eine Auffassung verbreitet, die nicht zuletzt von Humberto R. Maturana ausgearbeitet wurde. Danach gehören „lebende Systeme zur Klasse autopoietischer Systeme”. Die autopoietischen Systeme wiederum werden von den allopoetischen unterschiedenen. Allopoietisch sei ein System, das ein Produkt hat, das nicht es selbst ist, das vielmehr „von ihm selbst verschieden ist.” Autopoietisch hingegen sei ein System, das ein Produkt hat, das es selbst ist. Und jedes Lebewesen sei wie gesagt ein solches System (Humberto Maturana, Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig 1985, S. 158 f, 163). In der Konsequenz heißt das: Jedes Lebewesen hat ein Produkt, das es selbst ist; alle Lebewesen haben sich selbst zum Produkt ihres Funktionierens. Bemerkenswert an Auffassungen wie dieser ist vor allem eins: Bestätigung erfahren sie allein durch eine Betrachtung unstrittiger Phänomene des Lebens, die diese Phänomene verkürzt.

Nehmen wir als Phänomen das Leben einer einfachen Zelle. Dazu aufgefordert, das Leben dieser Zelle mit seiner eigentümlich vitalen Figur denkbar bündig zu beschreiben, möglichst in einem Satz und ohne bloßes Aufzählen von Merkmalen, würde ich folgendermaßen formulieren: Aus fremden Molekülen und Energien sich nährend, wächst und entwickelt sich die Zelle, auf daß sie sich teilt und in ihrer Teilung aufgeht, dabei in allem eine Idee von sich, einen sogenannten genetischen Bauplan, ebenso verwirklichend wie überschreitend. Und nun suche man an dieser Figur nach der Autopoiese. Was findet sich?

1. Der Theorie der Autopoiese zufolge, müßte sich die Zelle als ein Wesen erweisen, das ein Produkt hat, welches es selbst ist. Aber wenn es denn überhaupt Sinn macht, im gegebenen Kontext von Produkten zu sprechen, so gilt es einen erheblich anderen Bezug herauszustreichen. Wenn überhaupt, so hat die Zelle ein Produkt, daß gerade nicht sie selbst ist, das vielmehr etwas anderes als sie selbst ausmacht – nämlich ein Paar Tochterzellen, manchmal auch mehr als ein Paar. Statt sich selbst zum Produkt zu haben, geht die Mutterzelle in ihrem Produkt völlig auf, ja sie verschwindet darin. Selbst wenn die Tochterzellen genetische identische Kopien der Mutterzelle ausmachen sollten, ist das Produkt der letzteren eine Kopie und nicht das Kopierte selbst. Wenn man die Figur des Lebens freilich verkürzt betrachtet, indem man sozusagen ihren ersten Abschnitt für sich nimmt, bietet sie sich einem wie eine Selbstbezüglichkeit dar, die an Autopoiese erinnern mag: Aus fremden Molekülen und Energien sich nährend, wächst und entwickelt sich die Zelle…- so scheint sie immerfort sich selbst zum Produkt zu haben, als eine wieder und wieder gewachsene, entwickeltere Zelle. Aber das scheint auch nur so, denn der Zelle Wachstum ist doch zugleich und vor allem das sukzessive Ausbilden von Tochterzellen. Man darf eben nicht dabei stehen bleiben, einen gewissen Abschnitt der ganzen Figur des (zellularen) Lebens für sich zu betrachten, man kann das nur zu dem Preis tun, das eigentümlich Vitale an ihr zu verfehlen. Halten wir fest: Was die Figur des (zellularen) Lebens beschreibt, ist nicht eine Selbstbeziehung wie die Autopoiese, nicht die unentwegte Rückkehr in sich, sondern ein Über-sich-hinausgehen. Das Leben bekam schon einmal Gelegenheit, sich ganz in diesem Sinne zu offenbaren: „Siehe, sprach es, ich bin das, was sich immer selber überwinden muss” (Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, KGA VI 1, S. 144 ). – Nun trifft der Begriff des Über-sich-hinausgehens das Eigentümliche des Lebens ganz gewiß noch nicht hinlänglich. Dazu fällt er viel zu weit aus. Er trifft zu, aber er trifft noch nicht die in Frage stehende Eigentümlichkeit. Er bedarf der Konkretisierung. (weiterlesen …)


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