Nov 29 2008

Über Judith Butlers “Kritik der ethischen Gewalt” - Eine Glosse

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 0:51

Es war einmal ein überaus romantisch gestimmtes Ich, das dünkte sich souverän in seinem Gehäus. Was mich selbst ausmacht, frohlockte es, müßte ich doch auch von selbst geworden sein, aus mir selbst heraus gewissermaßen. Aber da erhielt es die Kunde, einer Illusion aufgesessen zu sein. Es wurde darüber belehrt, wie wenig es sich der reinen Selbstsetzung verdankt und wie  sehr es kraft der Anderen da ist . Allmählich begriff es die in ihrer Nüchternheit so brutale Wahrheit: Am Anfang war ich lediglich ein Verhältnis zu den Anderen, nichts weiter als mein Verhältnis zu einem Du. Also “ist das ‘Ich’, das ich bin, ohne dieses ‘Du’ gar nichts, und es kann sich außerhalb des Bezuges zum Anderen, aus dem seine Fähigkeit zur Selbstbezüglichkeit überhaupt erst entsteht, nicht einmal ansatzweise auf sich selbst beziehen” (S. 92/93). Ihm war’s, als bräche sein Gehäus zusammen, gleichsam besitzlos fühlte es sich, wie “durch seine gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen enteignet” (S. 20). So abrupt aus ipsistischen Träumen gerissen, empfand es seine Lage als eine des blanken “Ausgeliefertseins” an  die Anderen (S. 86). Zu allem Überdruß blieb es mit den Gefühlen, die es bestürmten, auch noch allein. Niemand sonst, der sich überrascht zeigte von der Kunde. Alle wußten längst Bescheid.

Das leibhaftige Ich zum Beispiel, das seinerzeit der Zarathustra unter den gebildeten Ständen bekannt gemacht hatte. Dem leibhaftigen Ich war kaum etwas geläufiger, als daß es von anderen abstammt, von anderen gezeugt, geboren und großgezogen wurde, und daß all die Ahnen und Zeitgenossen, die es schufen, dies auch im Geist oder Ungeist ihrer Zeit taten, den es nun wie einen Klotz am Bein fortzuschleppen hatte. Oder das Freudsche Ich. Völlig klar, daß es keinesfalls sein eigenes Geschöpf bildet, sondern aus der Kollision der unbewußten Triebe mit der Realität hervorgeht, mit einer Realität, in der neben dem Du noch das Wir und das Sie sich tummeln, samt der verwickelten Verhältnisse, die sie untereinander eingehen, samt der profanen Dinge, die sie gebrauchen oder gar nicht brauchen. Schon das Hegelsche Selbst hatte, obgleich früheren Datums, die deutliche Ahnung, ja den Begriff davon, wie wenig es von selbst ein Selbst ist. Statt in die alles entscheidende Anerkennungsbewegung als ein Selbst einzutreten, geht es als ein solches daraus erst hervor. Weder macht es sich selbst noch wird es einfach von den Anderen gemacht, vielmehr setzen sich die Beteiligten gegenseitig in die selbstbezüglichen Rollen ein.

Allein dem romantisch gestimmten Ich bedeutete derlei eine Neuigkeit. Um die ganze Wahrheit zu sagen: Seine sichtliche Betroffenheit war einer gewissen Beschränktheit geschuldet. In solcher Verfassung ließ es sich auf die kraftlosen Schlüsse ein, mit denen die vermeintlich neue Nachricht am Ende aufwartete (S. 100 - 102). Ich muß die Tatsache des “primären Übergriffs des Anderen auf mich” einfach akzeptieren, murmelte es zerstreut vor sich hin, kann nicht aus alldem Ungewollten an mir  etwas Gewolltes machen, aus dem Undurchsichtigen etwas Durchsichtiges, ich muß es hinnehmen. Ansonsten tue ich mir ethische Gewalt an.

In diesem Moment nahm sich seiner das leibhaftige Ich an, ein wenig ungehalten über den kläglichen Unterton, den es herausgehört zu haben meinte. Nicht einfach hinnehmen, sagte es beschwörend. Der Herkunft nach sind wir gewiß weit mehr gemacht worden, als daß wir uns hätten eigens schöpfen können. Aber wir vermögen doch schöpferisch zu sein, können etwas richtiggehend kreieren - ungewohnte Lebensformen, ganz andere Verhältnisse, allerlei neues Zeug. Und dieserart, über uns hinaus schaffend, heben wir gegen uns selbst ab, zusammen damit aber auch gegen die Anderen in uns. Nicht woher wir kommen, macht uns zu originären Wesen, sondern wohin wir gehen. Nicht in der Herkunft, sondern in der Zukunft haben wir Einzigartigkeit zu suchen.

(Judith Butler, Kritik der ethischen Gewalt, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008)


Nov 28 2008

Sprüche

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 0:32

Wenn alles Lüge ist, dann auch, daß alles Lüge sei.

Lieber böse als langweilig.

Das Kind ist kindlich, kindisch können nur Erwachsene sein.


Nov 27 2008

Wer ist dumm?

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 1:13

Ist Dummheit gleichbedeutend mit Mangel an Bildung und Intelligenz? Es gibt einen Vortrag von Robert Musil über Dummheit. Dort heißt es an einer Stelle, die Dummheit bestehe nicht im Mangel an Verstand, sondern im Aussetzen des Verstandes. Wann setzt ein eigentlich reichlich vorhandener Verstand aus? Vor allem dann, wenn die Eitelkeit die Zügel schießt. Die sorgt unfehlbar dafür, daß man seine Grenzen verkennt. Und genau  damit hebt Dummheit an. Wer wenig Bildung  und einen geringen Intelligenzquotienten hat, ist nicht schon deshalb dumm. Dumm ist jemand, weil und insofern er seine Grenzen verkennt, obwohl er intelligent und gebildet genug ist, seine Grenzen zu kennen.


Nov 26 2008

Zehn Jahre Rechtschreibreform

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 0:47

Am Anfang stand ein fragwürdiger Anspruch: Der deutsche Sprachgebrauch, hieß es, soll vereinfacht werden, um den Schülern das Schreibenlernen zu erleichtern. Aber Sprache ist Kultur, und Kultur vereinfacht man nicht. Das einzige, was zur Kultur paßt, ist, sie zu bereichern.


Nov 23 2008

Der Schlußstein im Gewölbe der abendländischen Kultur

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 12:58

Es “ist verboten, einem anderen das Leben zu nehmen, außer wenn die Scharia es verlangt.” Das ist  natürlich kein  typisch abendländischer Rechtsgrundsatz. Vielmehr handelt es sich um den Artikel  2a aus der “Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam” von 1990. Er ordnet das Lebensrecht jedes Menschen der Scharia, der Rechtsordnung des Islams unter.  Ganz ähnliche Einschränkungen machen zahlreiche Artikel der Kairoer Menschenrechtserklärung. So auch der über die körperliche Unversehrtheit. “Das Recht auf körperliche Unversehrtheit wird garantiert … außer wenn ein von der Scharia vorgeschriebener Grund vorliegt.” (Artikel 2b).  Was bedeutet es, wenn Artikel, die Menschenrechte zu erklären verheißen,  wiederholt den Verweis auf die Scharia wie eine Klausel angehängt bekommen? Leben und körperliche Unversehrtheit des Individuums haben danach zwar einen Wert, aber doch nur einen bedingten. Sie haben keinen unbedingten Wert, keinen absoluten Wert. Und das heißt, sie gelten wohl als Werte, nicht aber als Würde.

Denn was ist Würde? Der absolute Wert. Und was ist ein absoluter Wert? Ein bedingungslos zu wahrender Wert, einer, der unter keinen Umständen und zugunsten keines anderen Wertes - auch nicht zugunsten eines Gemeinwohls - in Frage gestellt oder sonstwie relativiert werden darf. Diesen Rang, der erst den Titel “Würde” verdient, bekommen das Leben des Individuums, seine körperliche Unversehrtheit und  dergleichen in der Kairoer Erklärung nicht zugesprochen.

“Jeder Mensch hat das Recht auf Leben”, ohne Einschränkung, ohne Konditionierung, bedingungslos. So hat jedes  menschliche Leben absoluten Wert, Würde. Verbrieft im Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. “Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher Behandlung oder Strafe unterworfen werden.” Der Artikel 5 der nämlichen Erklärung läßt nichts gelten, dem zuliebe er relativiert werden dürfte. So wird dem Individuum mit seinem Bedürfnis nach körperlicher Unversehrtheit nicht nur Wert , sondern Würde zuerkannt.

Die markierte Differenz zwischen zweierlei Auffassungen von den Menschenrechten wurzelt  in kontroversen Definitionen des Trägers der Menschenwürde. Wer gilt als der genuine Träger von Menschenwürde?   Das ist die Hauptfrage. Ist es das Individuum, jedes Individuum, das als  Träger der Menschenwürde figuriert,  oder ist es ein Gemeinwesen, ein nationales, religiöses oder wie immer  verfaßtes  Gemeinwesen? Wenn das Leben und die körperliche Unversehrtheit des Individuums nur so lange  für bewahrenswert befunden werden, wie der Kodex einer Gemeinschaft nichts Gegenteiliges  vorschreibt, dann läßt diese  Gemeinschaft allein sich selbst als Träger der Menschenwürde gelten. Und nicht das Individuum.  Nur die Gemeinschaft in ihrer jeweiligen Verfaßtheit hat dann einen bedingungslos zu wahrenden Wert, das Individuum darf dem geopfert werden.  Wo dagegen gerade das Individuum als der genuine Träger von Menschenwürde Anerkennung findet, dürfen sein Leben, seine körperliche Unversehrtheit und anderes mehr für nichts und niemand geopfert werden. Eben diese Idee mutet gleichsam wie der Schlußstein im Gewölbe der abendländischen Kultur an: die Menschenwürde ist stets und ausschließlich die des menschlichen Individuums. Jedes menschlichen Individuums. Daraus erwuchsen so erhabene Prinzipien wie der altenglische Grundsatz “Lieber zehn wirkliche Verbrecher entkommen lassen, als einen einzigen Menschen unschuldig verurteilen”.


Nov 17 2008

Bloch über das Dasein

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 18:17

“Nur das kann da sein, das auf mehr, als es schon ist, sich versuchend bezieht.” So steht’s bei Ernst Bloch geschrieben, in seinem Spätwerk “Experimentum mundi” (Gesamtausgabe Bd. 15, S. 70). Ich darf den Satz etwas pointieren: Etwas ist nur da, kann ein Dasein nur haben, indem es (tendenziell) mehr ist, als es schon ist. Ohne mehr zu sein, als es schon ist, könnte es überhaupt nicht sein. Indem es gerade in dieser Weise ein Dasein hat, schießt es per se über. Dasein luxuriert, so läßt sich das zusammenfassen. Dergestalt wird Dasein als kraftvoll gefaßt.

Der Satz meint etwas anderes als die These, etwas könnte nur Dasein haben, indem es auch seine eigene Negation ist und vermittels dessen über sich hinaus treibt. Diese These paßte gut zu Hegels Denkweise. Dagegen jener Satz zur Konsequenz hat, daß etwas ganz ohne alle negative Vermittlung über sich hinaus treibt, einfach kraft überschießender Fülle. Das erinnert an eine Denkfigur, die Plotin in die abendländische Philosophie eingeführt hat und die seitdem periodisch in allen möglichen Regionen der Ideengeschichte auftauchte, etwa in Nietzsches Denken und Cantors Mengentheorie (s. 03. 11. 08). - Biographisch nimmt Blochs Philosophieren seinen Ausgang auch bei Hegels Prinzip der Negativität. In seinem Spätwerk jedoch langt er bei einer durchaus alternativen aber doch immer noch dialektischen Denkform an.



Nov 14 2008

Das Übersinnliche oder der Geist (spiritus)

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 2:21

Für Kant gehören Ideen des Übersinnlichen wie beispielsweise die Idee einer Kausalität in Freiheit unveräußerlich zur Systematik des rationalen Philosophierens. Ein Bestehen will er dem Übersinnlichen allerdings keinesfalls aus theoretischen Gründen, sondern einzig und allein aus praktischen Gründen  zusprechen. Allein aus Postulaten der moralisch-praktischen Vernunft (Kants gesammelte Schriften, Bd. VIII, S. 418).  Hegel läßt diese Einschränkung fallen, läßt das Übersinnliche mehr sein als eine praktisch unumgängliche Idee. Aber die von ihm betriebene Beförderung des Übersinnlichen will ihm nur um den Preis einer Verwechslung mit dem Unsinnlichen gelingen. Auf das Übersinnliche meint er nämlich in jenem ruhigen Reich der Gesetze gestoßen zu sein, das den  unruhig wechselnden  und sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen obwaltet. (Gesammelte Werke, Bd. 9, S. 91).  Und dieses Reich erweist sich näher besehen bloß als eine Sphäre des Unsinnlichen. Denn von den Gesetzen heißt es in der Phänomenologie des Geistes nicht ganz zu Unrecht, sie bestünden jenseits der wahrnehmbaren Welt und fänden iediglich an den von ihnen regierten Erscheinungsformen eine wahrnehmbare Darstellung. Das heißt, das Gesetz ist das, was Sinnlichkeit zwar unmittelbar vermissen läßt, jedoch mittelbar durchaus erlangt, indem es sich an seinen Erscheinungsformen  und deren beständiger Veränderung sinnlich darstellt. Genau das tut typischerweise das Unsinnliche. Mit ihm hat Hegel das Übersinnliche  vermengt. Heidegger sieht dann bereits, wie sehr das Übersinnliche auch noch vom Unsinnlichen geschieden gehört. Allerdings unterläßt er es, die beiden ihrerseits noch gegen das Nichtsinnliche abzuheben. Übersinnliches wie Unsinnliches gelten ihm als zwei  Gestalte des Nichtsinnlichen (Gesamtausgabe, Bd. 29/30, S. 68). Ein weitergehender Schritt steht an: Erst wenn das Übersinnliche und das Unsinnliche nicht mehr zu bloßen Ablegern des Nichtsinnlichen heruntergestuft und obendrein gegeneinander griffig abgesetzt werden, taucht unter dem Titel des Übersinnlichen überhaupt etwas Eigentümliches auf.  Es sind eben nicht bloß zwei, sondern  vier Gestalten, die von der  Materie hervorgebracht werden. Erstens das Sinnliche (die Körper und Korpuskeln); zweitens das Nichtsinnliche (die relative Leere zum Beispiel); drittens das Unsinnliche, das sich vom Nichtsinnlichen ähnlich unterscheidet wie das Unmenschliche vom Nichtmenschlichen. Und als vierte Gestalt das Übersinnliche. Ein  derart ausgezeichnetes Übersinnliches ist der Geist. Und zwar im Sinne von spiritus, noch nicht im Sinne von mens


Nov 10 2008

De dignitate hominis

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 2:19

Hein Menzel, Jahrgang 1951, ist arbeitsloser Historiker. Die eine Hälfte seiner geräumigen Wohnung im Berliner Friedrichshain nahe der beliebten Simon-Dach-Straße hat er an eine belgische Studentin älteren Semesters untervermietet. Anfang Januar standen plötzlich zwei junge Frauen vor der Tür, die sich als Mitarbeiterinnen vom Prüfdienst des Jobcenters vorstellten. Sie würden gerne seine Wohnverhältnisse überprüfen und ermitteln, ob er von der Mitbewohnerin tatsächlich getrennt lebe; es könnte ja sein, daß er zu Unrecht Leistungen in voller Höhe beziehe. “Die beiden sahen das französische Bett in meinem Schlafzimmer - ich war vor Jahren noch verheiratet - und baten mich, das Bettdeck zurückzuschlagen. Ich fragte sie, wozu. Am Laken kann man so manches erkennen, gab die eine schmunzelnd zur Antwort. Mir verschlug es die Sprache. Und könnten Sie uns jetzt den Wäscheschrank zeigen, fragte die andere. Könnten sie eben mal die Unterhosen anheben? Und dieses rote Höschen, ist das Ihres? Ich nickte nur. Aber so etwas Aufreizendes ist doch eher ungewöhnlich für einen älteren Herrn, bemerkte spitz die erste, und einen Schlitz hat es auch nicht. Ich bekam es nicht fertig, ihr zu erwidern. Schamgefühle legten mich völlig lahm.”


Nov 06 2008

Die Wahl

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 0:59

Er, an den ich eigentlich  nicht  glaube, war so großmütig, mein Beten und Barmen  dennoch zu erhören. Gratulation an meine amerikanische Wahlverwandtschaft, an Tabitha, Lucinda, Ralf und Barry.


Nov 03 2008

Eine plotinische Figur

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 14:14

Im 3. Jahrhundert entwickelte Plotin eine spannungsvolle Denkfigur. Erstmals aufgeboten hat er sie bei dem Versuch, die urtümliche Genese des Alls zu denken. Daß alles aus Einem hervorgegangen sein muß, war ihm bereits gewiß. Aber wie konnte alles aus dem Einen hervorgehen, wie aus einem  Einfachen  all das Vielgestaltige werden, das sich zum Universum ausgebreitet  und gefügt hat? Seine Antwort: Indem jenes Eine unbeschadet seiner Einfachheit doch “von einer vollkommenen Fülle ist - es sucht ja nichts, hat nichts, braucht nichts - so ist es einfach übergeflossen,und seine Überfülle hat das Andere hervorgebracht.” (Enn. V 2, 1) Aus dem Einen konnte alles andere werden, weil und insofern es eine Überfülle ausmacht und als  solche einfach überschießen muß - hin zum Anderen. Die Figur, die an der zitierten Textstelle in einen kosmologischen Kontext eingearbeitet ist, läßt sich in Reinform folgendermaßen auszeichnen. Es handelt sich bei ihr um eine Art, gedanklich vom einen zum anderen überzugehen. Besser gesagt, es handelt sich um eine eigentümliche Art und Weise, wie das Eine ins Andere übergeht. Nämlich so, daß es von sich aus über sich hinausgeht, und dies einzig und allein kraft einer Überfülle, vermittels überschießender Fülle. Weshalb das Eine im Anderen auch nicht aufgeht, sondern überfließend bleibt. Diese Figur hat Plotin in das abendländische Philosophieren eingeführt. Etwas geht kraft überschießender Fülle von sich aus über sich hinaus, hin zum Anderen, aber ohne in diesem aufzugehen. Daß seine Innovation Anregungen weiterführt, die vor allem der persischen Ideenwelt entstammen und  von seinem Lehrer Ammonios übermittelt wurden, gilt als erwiesen.

Und es handelt sich um eine dialektische Figur. Alles Dialektische liegt elementar darin, daß etwas von sich aus über sich hinausgeht und dieserart ins Andere übergeht. Von sich aus und über sich hinaus - diese elementare Figur des Dialektischen bedient auch Plotins Gedanke. Was ihn auszeichnet, ist die Art, wie er sie vermittelt sieht. Durch überschießende Fülle sieht er sie vermittelt. Sowohl von sich aus als auch über sich hinaus gehe das Eine vermöge seiner Überfülle.  Genau dieser Punkt hebt ihn von einer Denkweise ab, die als eine dialektische Denkungsart ungleich vertrauter ist und vor allem von Hegel geprägt wurde.

Auch Hegels Dialektik bedient die elementare Figur, wonach etwas von sich aus über sich hinaus treibt. Nur daß er sie anders vermittelt sieht: nicht durch überschießende Fülle, sondern durch das Negative. Alles habe sein Negatives an sich, gehe mit seiner Negation einher, stets sei es auch nicht das, was doch ist.  Sein Negatives an sich habend, widerspricht es sich, und zwar antinomisch. Sich widersprechend aber, treibt es über sich hinaus - hin zu etwas Anderem, hin zu seiner Veränderung, wie auch immer. Die Einschränkung, etwas weise per se nur deshalb über sich hinaus, weil es mit seiner Negation einhergeht, macht Hegels Denkweise zur Dialektik der Negativität. Dagegen verheißt Plotins Gedanke eine Dialektik der Fülle, oder sagen wir, eine Dialektik des Luxurierens. Dialektik der Negativität exekutiert stets einen Mangel. Hegel ist Protestant genug, um es noch mit einem pathetischen Unterton zu beteuern, wie wenig die per Selbstnegation über sich hinaus treibende Bewegung als eine Art von Überfluß verstanden werden will.  Sie gehorcht der Not, ist buchstäblich notwendig. Die Dialektik des Luxurierens hingegen vollstreckt statt der Armut einen Reichtum, anstelle des Mangels eine Fülle, ja die Überfülle, für die auch der von Georges Bataille in Die Erotik systematisch gebrauchte Ausdruck “Plethora” zu stehen vermag .

Was ist aus Plotins Ansatz geworden? Abgesehen von seinem  Fortwirken in der neuplatonischen Tradition, taucht er nach Hegel in prominenten Lehren und Theorien auf. Nicht zuletzt im Denken Friedrich Nietzsches. So unüberlesbar die ausdrücklichen Verwerfungen von Dialektik bei Nietzsche ausfallen, so prononziert hat er doch die alternative, vom Prinzip der Negativität sich abhebende dialektische Figur zur Geltung gebracht. Daß etwas per se über sich hinaustreibt - und zwar vermöge einer Fülle, anstatt vermittels einer Selbstnegation - das findet er unter den tiefsten Wesenszügen des Lebens. Seine Überlegungen über die volle Lebenskraft und das Über-sich-hinaus-Schaffen gehören ganz dahin. Das Leben selbst hat es ihm als sein innerstes Geheimnis anvertraut: Ich bin das, was sich immer selber überwinden muß (Also sprach Zarathustra, KGA VI-1, S. 144). Über sich hinaus zu schaffen ist des Leibes letzter Wille (eb. S. 36). Und wenn das Leben sich selber zu überwinden trachtet, so gerade nicht im Gefolge einer Negation, nicht vermittels Selbstverneinung, Selbstverleugnung, Selbstkasteiung, sondern als Ausfluß der vollen, üppig pulsierenden Lebenskraft. Alle Kraft ist an sich schon etwas Überschießendes, etwas Luxurierendes. Volle Lebenskraft kann gar nicht anders, als ganz von sich aus über sich hinaus zu schaffen, statt sich in unentwegter Rückkehr zu sich selbst, in  möglichst lückenloser Selbstbestätigung und dergleichen zu ergehen.

Plotins Denkfigur hat niemals einen philosophischen oder wissenschaftlichen Zeitgeist durchgreifend geprägt, aber sie taucht doch periodisch in irgendeiner Region der Ideenwelt auf, mal in der einen mal in der anderen. Nachdem man sie gerade an Nietzsches leibnahem Philosophieren ausgemacht hat, begegnet sie einem plötzlich in einem eher unsinnlichen wissenschaftlichen Metier, in der Mathematik, in der Mengenlehre des Georg Cantor. Dort hat sie die Gestalt folgenden Satzes angenommen: /α/ < /P (α)/. Das heißt, eine Menge ist kleiner als ihre Potenzmenge; die Potenzmenge einer Menge ist größer als diese Menge. Oder zünftig gesprochen, die Mächtigkeit der Potenzmenge einer Menge ist größer als die Mächtigkeit dieser Menge. Alain Badiou, dem sich unsere Aufmerksamkeit für den Satz des Cantor verdankt, hat ihn so gedeutet: “Dies ist das Gesetz des quantitativen Überschusses der Verfassung einer Situation über die Situation.” (Sein und Ereignis, Berlin 2005, S. 550) . Ein Gesetz des quantitativen Überschusses - der Überschuß oder das  Überschießen liegt hier darin, daß es eben die der Menge eigene Potenzmenge ist, was sie übersteigt. Indem es ihre eigene Potenzmenge ist, was sie übersteigt, geht die Menge per se über sich hinaus. Und dies wohlgemerkt ohne alle Dazwischenkunft von Negation.