Dez 31 2008

Sprüche

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 1:21

Nicht Reichtum, Armut macht gierig.

Kapitalismus ist, wenn man immer mehr haben muß, nicht um mehr zu sein, sondern schon um überhaupt zu sein.*

Kapitalismus macht aus Lebensfragen bloße Überlebensfragen.

Im Kapitalismus macht Reichtum doch gierig, weil er dort unterderhand  eine merkwürdige Form von Armut ist.

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* “Wenn das Ungeheuer nicht mehr wächst, so stirbt es. Es kann nicht immer gleich groß bleiben.”

(John Steinbeck, Früchte des Zorns).


Dez 27 2008

Gottes Mörder - neuerliche Deutung einer älteren Geschichte

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 0:42

Seit längerem ist Gott nun schon tot. Die Art, wie er ums Leben kam - er wurde ja ermordet - bewegt  die Gemüter nicht mehr so heftig wie vor Jahren, aber amtlich wird noch  immer nach dem Mörder gesucht. Man vermutet, er hält sich versteckt in einem grauenhaften Tal namens “Schlangentod”, wo es nur so wimmelt vor huschigem, züngelndem, schleimigem Getier gräßlichster Bildung. Dorthin begibt sich eines Tages Zarathustra. Es dauert nicht lange, bis er auf einen Menschen trifft, den man den allerhäßlichsten Menschen auf Erden nennt. Als er an ihn herantritt und die ganze abgründige Häßlichkeit zu sehen bekommt, wird er über die Maßen verlegen. Er müht sich sehr, die Verlegenheit zu verbergen, aber Schamröte verrät ihn. “Du brauchst deine Verlegenheit nicht zu verbergen”, sagt da der Unglückliche, “sie zeigt mir, daß Du mich ernst nimmst. Die Menschen in meiner Heimat nahmen  mich niemals ernst. Jeder Mensch ist in seiner Art schön, sagten sie mir, ausgerechnet mir. Schönheit komme von innen. Innere Werte seien wichtiger als Aussehen. So wenig respektierten sie mich, daß sie mich mit Redensarten abspeisen wollten. Du dagegen scheinst anders zu sein. Wirklich anders.” Mit seinen von grintigen und eitrigen Hautlappen umhängten Augen sieht er den Besucher prüfend an, um dann fortzufahren: “Deshalb verrat ich Dir mein Geheimnis.” “Dein Geheimnis?”, fragt Zarathustra mit belegter Stimme, dumpf ahnend, was er gleich zu hören bekommen wird. “Ich war’s. Ich habe Gott umgebracht.” Mehr ungläubig als entrüstet schaut Zarathustra den Geständigen an. War dem eine so gefährliche Tat wirklich zuzutrauen? “Du bist nicht der einzige, der mir das nicht zutraut”, versetzt darauf der Allerhäßlichste, “deshalb hause ich ja immer noch frank und frei unter alldem Getier, das am allerwenigsten Grund hat, mich mit betulichem Mitleid zu erniedrigen. Niemand sucht mich wegen Mordes, weil mir’s niemand zutraut, und mir traut es niemand zu, weil mich keiner ernst nimmt. Dabei habe ich als einziger ein geradezu zwanghaftes Motiv. Du hast sicherlich nichts dagegen, wenn ich bei Dir um etwas Verständnis für mein Tun werbe. Schau, ich habe mich in diese grausige Gegend doch nur zurückgezogen, damit mich niemand mehr kalt beobachten, neugierig taxieren und genüßlich bemitleiden kann. Und was die gewöhnlichen Menschen betrifft, ist mir das ja auch gelungen. Von denen traut sich keiner her. Aber ein einziger Beobachter war mir doch geblieben, ein ständiger Beobachter, ein niemals und nirgendwo abzuschüttelnder. In welchem Winkel ich mich auch verkroch, wie tief ich mich auch versteckte, er hatte mich unentwegt im Blick. Gott sieht alles, sagt man und weiß nicht, was man da eigentlich sagt. Anfangs versuchte ich mich daran zu gewöhnen - immerhin war es nicht irgendwer, sondern der Göttliche, der mich niemals aus den Augen ließ - aber die Gewöhnung wollte einfach nicht gelingen. Sie konnte nicht gelingen,  denn  die Allgegenwart eines fremden Blicks ist die Hölle auf Erden, wenn man wie ich etwas zu verbergen hat. Über das Gefühl, mit meiner so peinlichen Häßlichkeit niemals ganz für mich allein sein zu können, drohte mir noch der Rest von Würde abhanden zu kommen. Wie konnte ich mir eine gewisse Würde bewahren? Indem ich mich per Freitod der durchdringenden Blicke von ganz oben entziehe? Das konnte es nicht sein, nachdem ich schon bei der Schöpfung zu kurz gekommen bin? Aber was dann tun? Was blieb übrig? Doch nur eines. Ich mußte es tun. Seitdem kann ich wenigstens von Zeit zu Zeit einem menschlichen Wesen unter die Augen treten. - Zarathustra befreit sich von den Schlangen, die seine Beine würgen, grüßt stumm und begibt sich nach Hause. Gefragt, ob er den Mörder Gottes ausfindig machen konnte, antwortet er, nicht mehr an einen Mordfall zu glauben.

Foto: Heiko Spiess


Dez 19 2008

Herabsetzung der Differenz zum bloßen Unterschied

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 13:51

Niels Bohr hat den Begriff des Komplementären in die Physik eingeführt. Er bedeutet: zwei Begriffe schließen einander derart aus, daß die von ihnen gemeinten physikalischen Größen niemals gleichzeitig genau bestimmbar sind. Den prominentesten Fall von Komplementarität bietet die Heisenbergsche Unschärferelation. Man erinnert sich, danach können der Ort eines Teilchens und sein Impuls niemals gleichzeitig, stets nur ungleichzeitig exakt bestimmt werden. Anton Zeilinger sprach sich nun jüngst dafür aus, “daß es zu jedem physikalischen Begriff zumindest einen gibt, der mit ihm komplementär verbunden ist” (Einsteins Schleier, München 2005, S. 172). So wäre die Komplementärität keineswegs bloß ein apartes Phänomen etwa der Quantenphysik, sondern etwas Allgegenwärtiges im physischen Universum. Bei solcher Verbreitung lohnt es, sich ihrer philosophisch zu vergewissern.  Unter folgender Frage: Welche Konstellation von Differenz und Wiederholung liegt in der Komplementarität? (mehr…)


Dez 14 2008

Sprüche

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 23:11

Ohne mich zu ändern, kann ich mir nicht treu bleiben.

Entschuldigen kann man auch aus Schwäche, verzeihen nur aus Stärke.

Der übelste Diktator aller Zeiten ist das Man.

Foto: Tabitha Hart


Dez 08 2008

Optimismus der Schwäche - Optimismus der Stärke

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 0:06

Es gibt alles zweifach - einmal aus Stärke, einmal aus Schwäche. So auch bei Pessimismus und  Optimismus. Dazu vier Typogramme. (mehr…)


Dez 03 2008

Vom Absoluten

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 0:32

Es gibt ein philosophisch methodisches Gebot, das lautet:

(1) Du sollst nichts absolut setzen.

Was folgt daraus?

(2) Wenn ich nichts, wirklich gar nichts absolut setzen soll, dann darf ich nicht einmal das Vermeiden des Absolutsetzens verabsolutieren.

Wie aber kann ich es vermeiden, auch nur das Vermeiden des Absolutsetzens zu verabsolutieren? Allein indem ich doch etwas absolut setze. Das heißt:

(3) Um in der Tat nichts absolut zu setzen, um mithin nicht  einmal das Vermeiden des Absolutsetzens zu verabsolutieren, muß ich etwas absolut setzen.