Mai 17 2009

Pöbel - vom sozialstrukturellen zum sozialästhetischen Typus

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 0:38

Noch im 18. Jahrhundert war Pöbel der Name eines Standes, die umgangssprachliche Bezeichnung des untersten Standes in der spätfeudalen Ständeordnung. Offiziell hieß dieser Stand ordo plebejus. Der bekannte Sozialhistoriker Werner Conze hat in seinem Buch Vom Pöbel zum Proletariat den ordo plebejus ausführlich beschrieben. Es muß sich um eine Gruppe von Menschen mit geradezu viehischer Lebenslage gehandelt haben. Hegel gibt die neapolitanischen Lazzaroni als Prototyp an. Der viehischen Lebenslage soll eine außergewöhnlich brutale, rohe, stumpfsinnige Mentalität entsprochen haben. Herder spricht von extraordinärer Pöbelniederträchtigkeit, Lavater von blutgierschwangerer Pöbelwuth.

Der Pöbelstand verschwindet beim Übergang zum industriellen Kapitalismus, die Rede vom Pöbel aber bleibt. Mehr noch, erst jetzt bricht unter deutschen Intellektuellen ein gewisser Pöbeldiskurs aus. Dieser Diskurs sieht seinen Referenten eine überraschend kommende Wandlung durchlaufen. Man sieht den Pöbel plötzlich an Orten auftauchen, wo ihn seine Sozialgeschichte gar nicht vermuten läßt. Man findet ihn an Universitäten, bei Hofe, in der sogenannten besseren Gesellschaft. Kant beklagt sich an einer Stelle über den Pöbel der Vernünftler. Mit den Vernünftlern waren offenkundig Berufskollegen gemeint, Fachphilosophen, Lehrstuhlinhaber. Der Pöbel der Vernünftler muß sich mitten unter den Akademikern aufgehalten haben. Einige Jahre später beschreibt Geheimrat von Goethe, wie sich bei Hofe der pöbelhafte Hofmann breitmacht und vordrängelt. Der Pöbel nun auch als eine Sorte von Obrigkeit. Abermals einige Jahre später geht Heinrich Heine so weit, einen anderen prominenten Literaten seiner Zeit, Ludwig Börne, zum Pöbelmann zu erklären. Man bedenke, ein promovierter Lateiner, aus gutem Hause, betucht, wohlriechend, mit artigen Manieren, und nichtsdestotrotz eine solche Ausgeburt. All dies sollte besser nicht als salopper oder gar nachlässiger Umgang mit dem provokanten Begriff abgetan werden. Es will vielmehr als deutliches Anzeichen eines Bedeutungswandels verstanden werden. Der Begriff des Pöbels muß aufgehört haben, eine fest umrissene soziale Gruppe zu meinen. Er muß vor allem aufgehört haben, ein soziales Unten, das Unten in einer sozialen Hierarchie zu meinen. Goethe unterscheidet sogar ausdrücklich zwischen dem unteren und dem oberen Pöbel. Nietzsche bringt das auf den Punkt, wo er einen freiwilligen Bettler im Gespräch mit Zarathustra ausrufen läßt: Pöbel oben, Pöbel unten! Was ist heute noch ‚Arm’ und ‚Reich’! (KGA VI 1, S. 332). Der fragliche Typus soll unten wie oben heimisch sein, unter den Armen wie unter den Reichen. Folgerichtig angenommen werden kann das allerdings nur unter einer Voraussetzung: Der Pöbel muß dann kein sozialstruktureller Typus mehr sein, sein Begriff darf nicht mehr der soziologischen Terminologie angehören. Was aber ist er dann? Was meint das so bedingungslos verächtlich klingende Wort, wenn man es sogar Hochgebildeten, Obrigkeiten und Wohlhabenden um die Ohren hauen darf? (mehr…)