Sep 30 2009

Die Figur des Lebens

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 11:48

Was ist dem Leben eigentümlich, was zeichnet Lebewesen aus? Unter Philosophen und Biowissenschaftlern gibt es eine starke Neigung, auf die Frage mit der Hervorhebung von gewissen Selbstbeziehungen zu antworten. Etwa mit dem Verweis auf Selbsterhaltung. Bereits die älteren Stoiker behaupteten, der erste Trieb, der sich bei Lebewesen regt, sei der der Selbsterhaltung (Diog. Laert., Vitae philos. VII, 85). Heutigentags ist eine Auffassung verbreitet, die nicht zuletzt von Humberto R. Maturana ausgearbeitet wurde. Danach gehören „lebende Systeme zur Klasse autopoietischer Systeme”. Die autopoietischen Systeme wiederum werden von den allopoetischen unterschiedenen. Allopoietisch sei ein System, das ein Produkt hat, das nicht es selbst ist, das vielmehr „von ihm selbst verschieden ist.” Autopoietisch hingegen sei ein System, das ein Produkt hat, das es selbst ist. Und jedes Lebewesen sei wie gesagt ein solches System (Humberto Maturana, Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig 1985, S. 158 f, 163). In der Konsequenz heißt das: Jedes Lebewesen hat ein Produkt, das es selbst ist; alle Lebewesen haben sich selbst zum Produkt ihres Funktionierens. Bemerkenswert an Auffassungen wie dieser ist vor allem eins: Bestätigung erfahren sie allein durch eine Betrachtung unstrittiger Phänomene des Lebens, die diese Phänomene verkürzt.

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Sep 20 2009

Pro Vitalismus

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 12:45

Die heftige, fast schon militante Abneigung zeitgenössischer Biologen gegen den Vitalismus hat etwas Unheimliches an sich. Daß man  die Begriffsbildung vis vitalis verwirft, läßt sich noch nachvollziehen - sie stammt von den Alchimisten. Aber wie sollte  dem Leben und Lebewesen eine eigentümliche Lebenskraft (Vitalität, vitalitas) abgesprochen werden können, die  aus (physikalischen und chemischen) Energien sich nährt, zugleich über Energie hinausgeht und sich gegebenenfalls als Zeugungskraft (genius), Kraft der Triebe, Willenskraft usw. geltend macht.

Was versteht man unter Vitalismus? Die “Anschauung, daß sich belebte Materie wesensmäßig von unbelebter Materie unterscheidet” (John Maddox, Was zu entdecken bleibt, Ffm 2000, S. 149). Die Verwerfung des Vitalismus muß mithin behaupten, belebte Materie würde sich nicht “wesensmäßig” von unbelebter Materie unterscheiden.

Als ich diese Verwerfung kritisch zu überprüfen begann, glaubte ich zunächst, es gelte zu ergründen, ob sich die belebte Materie nicht doch von der unbelebten wesensmäßig unterscheidet. So fragend, hatte ich mich allerdings auf eine ungereimte Wortfügung eingelassen, auf die  Fügung belebte Materie. Sie unterstellt, es gäbe zwei Arten der Materie, unbelebt die eine, belebt die andere. Und das ist falsch. Von daher stammt auch die Verwechslung der Leiber mit einer Art von Körpern. Mittlerweile scheide ich so: Es gibt die Materien, die au fond stets und überall noch nicht vital sind, und es gibt die Materialisierungen, die sich allein bei Lebewesen finden. Materie und Materialisierungen - um diese Differenz handelt es sich.

Jede Zelle, jeder Organismus, jedes Lebewesen macht eine Materialisierung aus. Und das heißt: die Verwirklichung einer sogenannten genetischen Information, die Realisierung einer Idee in Materien. Durch dieses Verwirklichen, Realisieren stellen Materialisierungen etwas wesentlich anderes als Materien dar, unbeschadet der Tatsache, daß sie ihrer stets bedürfen, und ohne mit dem Gebilde einer belebten Materie verwechselt werden zu können. Von daher läßt sich das antivitalistische Reden über das Vitale  kritisieren.

Foto: Tabitha Hart