Mär 27 2010

Substanz

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 14:51

Der Gebrauch des Begriffs „Substanz” folgt zwei verschiedenen Übersetzungstraditionen. Der einen Tradition zufolge bildet „Substanz” bzw. die (von dem  römischen Rhetoriker Quintilian geschaffene) lateinische Vorgängerlautung „substantia” direkt das Pendant zu dem griechischen  Wort „ousia”, das vor allem Aristoteles ausführlich expliziert hat, insbesondere in seiner Kategorienschrift und Metaphysik. „Substantia” = „ousia”, unter dieser Voraussetzung werden dann alle Aussagen, die Aristoteles unter dem  Begriff „ousia” versammelt hat, als Bestimmungen der Substanz gelesen, gedeutet und gedacht. Nun soll „ousia” auch soviel wie Wesen bedeuten. Als die eigentliche Entsprechung für den griechischen Ausdruck „ousia” unterstellt,  wird  darum der Begriff der Substanz in dieser Tradition weithin ungeschiedenen  von dem des Wesens verwandt. - Es gibt noch eine andere Tradition. Deren Ansatz findet  sich ausformuliert spätestens in des Thomas von Aquin Erstlingswerk  „Über das Seiende und das Wesen”.  Danach gilt es, „substantia” wohlweislich zu scheiden von „essentia” („Wesen”), von einer  Begriffsbildung also, die auf Cicero zurückgehen soll; Seneca benennt ihn als „Urheber”.[1] Und dem  griechischen Wort „ousia” entspreche auf seiten des Lateinischen gerade nicht „substantia”, sondern „essentia”. „Usia ist … bei den Griechen dasselbe wie bei uns essentia”, bescheidet Thomas.[2] „Ousia” = „essentia”, unter dieser Voraussetzung können dann all die Aussagen, die Aristoteles an den markierten Textstellen mit dem Begriff „ousia” notwendig verknüpft hat, natürlich nicht unbedingt wie Bestimmungen der Substanz gelesen, zunächst einmal können sie nur als Bestimmungen von „essentia”, von „Wesen” gedeutet werden.  Die Substanz-Begrifflichkeit bietet sich  in dieser zweiten Traditionslinie weniger wie eine Auslegung antik griechischer Texte als vielmehr wie eine eigenständige Schöpfung des lateinischen Philosophierens dar. (mehr…)


Mär 08 2010

Das Element des Raumes

Kategorie: AllgemeinesHartwig Schmidt @ 12:31

Das Element des Raumes ist die Ausdehnung. Um es möglichst bündig zu formulieren: räumlich = in extensio. Aber wie hat man die Ausdehnung zu begreifen?

Das belassende Differieren und Wiederholen macht die Ausdehnung aus. Und was meint wieder der unvertraute Ausdruck „das belassende Differieren und Wiederholen”? Er meint etwas, das bei der Zeit, bei der eigentlichen,  noch vollständig ausbleibt. Typisch zeitlich geschehen Differieren und Wiederholen folgendermaßen: Ein Ereignis differiert zu einem anderen Ereignis, und dann gibt es das erstere nicht mehr. Ein Ereignis wiederholt ein Ereignis, und dann wird es das wiederholte Ereignis gerade durch sein Wiederholen nicht mehr geben. Differenz und Wiederholung lassen hier das Eine und das Wiederholte zum nicht mehr Gegebenen abschatten. Wenngleich es schon wichtig ist, daß etwas nicht mehr Gegebenes alles andere als einfach nicht gegeben ist. Im Kontrast dazu das belassende Wiederholen und Differieren. Das eine Ereignis differiert zum anderen Ereignis, und zwar so, daß dabei das erstere belassen wird. Ein Ereignis wiederholt ein Ereignis, und zwar so, daß das wiederholte belassen wird. All dies ereignet sich, es geschieht in der Zeit, es muß also auch bei dem Belassen irgend etwas zum nicht mehr Gegebene wegtreten. Aber was da ins nicht mehr Gegebene herabsinkt, ist nun lediglich das noch nicht um das andere Ereignis ergänzte Ereignis, das noch nicht um seine Wiederholung ergänzte Ereignis. Im Gefolge des belassenden Wiederholens und Differierens gibt es mithin das Eine und das Andere, das Wiederholte und das Wiederholende gleichzeitig. Das Eine und das Andere, das Wiederholte und das Wiederholende konfigurieren nun. Nicht mehr gibt es dann das Eine ohne das Andere, das zu Wiederholende ohne seine Wiederholung. Das macht den belassenden Charakter der Ausdehnung aus.

Ausdehnung als kraftvoll. In Gestalt der Ausdehnung geht das Werden über sich hinaus, und zwar per se. Per se, das heißt vermittels seiner eigenen Kraft. Diese Kraft erweist sich als das Vermögen zum Belassen. Kraft führt mitten im zeitlichen Differieren und Wiederholen über dieses hinaus, hin zu einem belassenden Differieren und Wiederholen, hin zur Ausdehnung. Von daher bildet die aktive Kraft, wie Leibniz formuliert, ein “der Ausdehnung vorausgehendes Prinzip”.[1] Ohne Kraft keine Ausdehnung, kein Raum, heißt es in einer frühen Schrift von Immanuel Kant.[2] Schon deshalb kann es den absolut leeren Raum nicht geben; noch die Leere strotzt vor Kraft. “Alles ist Kraft”, sagt Friedrich Nietzsche.[3] Möglich, daß einem - wie weiland Oswald Spengler[4] - am Ende das Wort „Kraft” als der treffendere, weil weniger abstrakte Ausdruck für Raum  erscheint. (mehr…)