
Moderne Gesellschaften und Staatswesen geben sich an mehreren Merkmalen zu erkennen. Eines dieser Merkmale: das Gewaltmonopol des Staates. Bestimmte Organe des Staates sollen zum Schutz der Staatsbürger, zur Wahrung von Recht und Gesetz bewaffnet sein, die Masse der Staatsbürger jedoch soll in der Regel nicht bewaffnet sein. Das gehört unveräußerlich zur Modernität. Vorbei die eher mittelalterlichen Zeiten, da jedermann mit den Waffen seiner Zeit herumrannte und sie nach Gutdünken einsetzen konnte.
Vormodern fällt dagegen ein Zusatz zur Verfassung der Vereinigten Staaten aus, der seit 1791 in Kraft ist: “Das Recht des Volkes auf den Besitz und das Tragen von Waffen darf nicht beeinträchtigt werden.” Auf diesen das moderne Gewaltmonopol des Staates unterlaufenden Passus griffen fünf der neun Richter des Obersten Gerichts der USA zurück, als sie vorgestern eine von kommunalen Behörden der Stadt Chicago verhängte Beschränkung des privaten Waffenbesitzes außer Kraft setzten. Mit Sicherheit werden nun auch in anderen Landesteilen einschlägige Beschränkungen aufgehoben. Eine Reprivatisierung der Waffengewalt kommt auf Touren, ein Rückfall ins Vormoderne.

Aristoteles versucht ein Phänomen metaphysisch auszuzeichnen und zu begreifen, das er durchgängig „hyle” nennt. Urtümlich bedeutet das griechische Wort „hyle” auch Nutzholz. Mit dieser Ausgangsbedeutung konnte es - in einem übertragenen Sinne - etwas viel Umfassenderes als Nutzholz bezeichnen. Cum grano salis konnte es dasjenige bedeuten, aus dem etwas durch kraftvolles Formieren entsteht und aus dem es dann in bestimmter Form besteht. Das Material also, Stoff. Das „hyle” genannte Material charakterisiert Aristoteles sodann als „aeides kai amorphon”[1], das heißt als träge und formlos. Und Trägheit denkt er in eins mit Kraftlosigkeit. Der Stoff, das Material sei kraftlos. Diese Bestimmung kommt durchaus folgerichtig. Soweit etwas als bloßes Material genommen, lediglich als ein der kraftvollen Formung harrender Stoff betrachtet wird, scheint es in der Tat kraftlos.
Die lateinische Philosophie überträgt den vorgefundenen Ausdruck „hyle” bekanntlich mit „materia”. Ein Wort, das urtümlich gleichfalls unter anderem Nutzholz bedeutet. Wie sein griechisches Pendant vermag es - im übertragenen Sinne - das Material zu meinen. Es ist nun interessant zu sehen, wie erst Albertus Magnus und dann Thomas von Aquin dem Material etwas zuschreiben, das die Möglichkeiten bloßen Materials und Stoffs bei weitem überschreitet. So erblickt Thomas in ihm das „principium individuationis”[2]. Ein ganz ähnlich anmutender Gedanke von Aristoteles hatte bereits dessen Zeitgenossen und frühe Interpreten irritiert. Obendrein macht Thomas am Material ein „esse per creationem”[3] aus. Was aber das Prinzip der Individuation hergeben und ein Sein per Kreation aufweisen soll, kann eigentlich nicht mehr als kraftlos gelten. (mehr…)