Debrahlee Lorenzana und die normative Vermittelmäßigung

Foto: Credit: Saswat Pattanayak

Das ist die Frau, deren Schicksal für eine neue Stufe der abendländischen Vermittelmäßigung stehen könnte.

Seit vielen Jahrhunderten läuft innerhalb der abendländischen Kultur ein Prozeß der methodisch bewußten Vermittelmäßigung. Das theoretische Programm dafür hat Aristoteles mit seiner Tugendlehre vorgegeben. Bei allen menschlichen Dispositionen, heißt es dort, gibt es ein Übermaß, ein Untermaß und ein mittleres Maß. Tugendhaft sei stets nur das mittlere Maß. So etwa bei den Lüsten. Das Untermaß an Lust ist der Stumpfsinn, das Übermaß ist die Genußsucht und tugendhaft ist allein das mäßige, besonnene Lüstchen. Übermaß und Untermaß heißen auch „Extreme“. In der Praxis der Vermittelmäßigung hat das Wort „extrem“ darum weithin einen durch und durch pejorativen Klang angenommen. Derzeit klingt es nur in zwei Kontexten wenigstens neutral: In den Formulierungen „Extremsportarten“ und „extreme sexuelle Praktiken“. Extreme Meinungen, extreme Reaktionen („Überreaktionen“), extreme Empörung usw. usf. gelten dagegen als unbedingt schlecht. Denn das Gute kann immer nur in der Mitte zwischen zwei Extremen liegen. Das ist seit langem zu einer grundlegenden Denkfigur geraten. Natürlich stellen sich zur Tendenz der Vermittelmäßigung periodisch auch gegenläufige Tendenzen ein. Man denke nur an die zeitgenössische Aufwertung des Geizes. Das ist eine von jenen gegenläufigen, das Extreme huldigenden Tendenzen, die aber schlußendlich kulturgeschichtlich unterliegen.

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