EIN TYPISCH DIALEKTISCHER GEDANKENGANG. Er findet sich bei Platon unter anderem in einer längeren Passage des Dialogs „Parmenides“, innerhalb der Unterredung, die dort das gleichnamige Haupt der eleatischen Schule mit dem jungen Aristoteles führt. Die Unterredung handelt vom Einen. Vorausgesetzt wird, daß dieses Eine ist, daß es existiert, Dasein hat, ein Seiendes ausmacht. Sodann gilt es herauszufinden, was alles darin liegt, daß das Eine ist. Dabei erweist sich folgendes. Wenn das Eine ist, so liegt darin sowohl das Eine als auch, daß es ist. Im Sinne des Soseins und Daseins müssen das Eine und sein Dasein in der Tat auseinander gehalten werden. „Also gibt es ein Sein des Einen, das nicht einerlei ist mit dem Einen.“ (Parmenides 142 b). Wenn das Eine existiert, dann liegt darin sogar ein Unterschied, der Unterschied zwischen dem Einem einerseits und seinem Dasein, seinem Existieren andererseits. Der Unterschied nun scheidet notwendig Vieles, setzt Vielheit. Das heißt, wenn das Eine ist, so ist es notwendig in sich unterschieden und mithin Vieles. Das Eine ist ebensogut Vieles. Im nächsten Schritt ergibt sich noch mehr. Wenn das Eine ist, dann ist es notwendig auch nicht Eines (sondern Vieles). Schließlich zeigt der Gesprächsführer seinem jungen Partner noch, wie sehr nicht nur das als seiend vorausgesetzte Eine so beschaffen ist; auch wenn man von seinem Existieren absieht und es allein als es selbst betrachtet, stellt es sich so dar. „Nicht nur das seiende Eine ist Vieles, sondern auch das Eine selbst, das gegen das Sein abhebende Eine ist notwendig Vieles.“ (Parmenides 144 e). Soweit der Gedankengang. Was charakterisiert ihn? Kurz gesagt handelt es sich bei ihm um einen Fall von Erkennen rein in Begriffen, das als solches folgerichtig in gegensätzlichen und widersprüchlichen Bestimmungen des zu Erkennenden gipfelt.
ERKENNEN REIN IN BEGRIFFEN. Zu solch einem Erkennen läßt Platon seinen Parmenides ausdrücklich auffordern. Wenn das Eine ist, hatte der vorab schon geboten, dann haben wir zu ermitteln, was eben daraus für das Eine folgt, was aus dem einmal gebildeten Gedanken, daß das Eine sei, für das Eine folgt; und alles, was daraus folgt, haben wir dem Einem allen Ernstes zuzugestehen, wie auch immer es ausfallen mag (Parmenides 142 b). Es konnte also nicht darum gehen, dem Begriff des Einen einfach etwas hinzuzufügen, ihn mit etwas zu verknüpfen, das nicht aus dem Sein des Einen folgt, oder ihn zu klassifizieren und mit Beispielen zu veranschaulichen. Es gilt das Eine selbst zu erkennen, und dazu muß der einmal gebildete Gedanke, daß das Eine ist, seinerseits durchdacht werden. Er muß daraufhin durchdacht werden, was in ihm liegt, was er – zeitgenössisch gesprochen – impliziert und wie er darum zu explizieren ist. So wird ein Erkennen rein in Begriffen vollzogen. Und in genau der Weise wird dialektisch vorgegangen. „Dialektik“, „dialektische Wissenschaft“, „dialektisches Verfahren“, „Kraft der Dialektik“ nennt Platon das Erkennen rein in Begriffen. Ein Erkennen, wie wenn einer eine „Rede“ hält und dabei ja versucht, „ohne alle Wahrnehmung, allein mittels des Wortes und des Gedankens auf das zu zielen, was ein Jegliches selbst ausmacht.“ Dieser „Weg“ wird „der dialektische“ genannt (Politeia, 532 a – 532 b). Man mag zu bedenken geben, die gegebene „Definition“ von Dialektik mute eher unspezifisch an, lasse alles vermissen, was sich einem intuitiv oder per Vorwissen mit dem Begriff der Dialektik verbindet, wie etwa das Denken von Widersprüchen. Um so interessanter zu sehen, wie Epochen später noch Hegel die Dialektik ganz ähnlich bestimmen wird. Die „reinen Gedanken an und für sich betrachten, heißt Dialektik“, bekennt er in seinen Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, und „der Begriff der wahrhaften Dialektik ist, daß sie die notwendige Bewegung der reinen Begriffe aufzeigt.“ (Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Bd. II, Leipzig 1982, S. 47, 51). Das Erkennen rein in Begriffen darf natürlich nicht mit der sogenannten Begriffsdialektik, mit einem hohlen Hin und Her von leeren Begriffen verwechselt werden. Tatsächlich handelt es sich bei ihm um ein richtiggehendes Erkennen von etwas. Auch wenn rein in Begriffen erkannt wird, ist es doch stets etwas, das dabei auf den Begriff gebracht wird, etwas wie Pflanzen, Tiere, Artefakte, Gestirne oder das Gute, um nur die Beispiele zu erwähnen, die Platon gelegentlich in diesem Zusammenhang gegeben hat. In seiner Sicht wird rein in Begriffen gerade das Wesen (ousia) der Dinge erfaßt. Erkennen rein in Begriffen ist somit Erkennen rein von Wesenheiten. Das ist Dialektik. Darum meint Platon auch, den Dialektiker schon dadurch trennscharf charakterisieren zu können, daß er ihn als denjenigen auszeichnet, der „von jeglichem den Begriff seines Wesens (ousias) faßt.“ (Politeia 534 b). Rein in Begriffen erkennend, werde das Wesen der Dinge erfaßt, und auf diese Weise erschließt man sich „die Dinge selbst„. Das Wesen der Dinge bestehe nämlich in dem, was diese Dinge selbst sind. Davon nicht zu trennen aber doch zu unterscheiden ist, was sie nicht selbst sind, sondern was sie für-anderes sind, was sie nicht zuletzt für-uns sind. Darin erscheinen sie, treten sie in Erscheinung. Die Erscheinung als das, was etwas in Bezug auf etwas anderes ausmacht, für-anderes – das Wesen als das, was es selbst ausmacht. Gerade das nun, was ein Jegliches wesensmäßig ausmacht, was es selbst ist, sucht keine andere Wissenschaft als die dialektische ordentlich zu finden, heißt es ganz dezidiert (Politeia 533 b). Sie sei das Vermögen, „auf die Tiere selbst zu schauen und auf die Gestirne selbst, schließlich sogar auf die Sonne selbst“ (Politeia 532 a).
