Von außen soll der typische DDR-Bürger, wenn es ihn denn gegeben hat, kaum neidisch und sehr bescheiden gewirkt haben. Kollegen, die diesen Typus bis 1989 vorzugsweise in der Außenansicht wahrnahmen, sagen, sie hätten sich damals schwer vorstellen können, wie soviel Bescheidenheit überhaupt zum Neid fähig gewesen sein sollte. Zu ganz ähnlichen Erwartungen konnte man aufgrund bestimmter wissenschaftlicher Annahmen gelangen. Einer durchaus verbreiteten Annahme zufolge finden sich innerhalb einer Gesellschaft um so mehr Anlässe für Neid, je krasser die soziale Ungleichheit dort ausfällt. In der DDR-Gesellschaft aber waren die historisch überkommenen krassen Gegensätze zwischen Arm und Reich abgebaut und die sozialen Lebenslagen relativ weitgehend angeglichen worden. So daß sich dort – der verbreiteten Annahme zufolge – eigentlich weniger Anlässe für Neid gefunden haben müßten. Aus meiner Innenansicht, aus meiner sozusagen esoterischen Kenntnis besagter Gesellschaft heraus weiß ich: In Wirklichkeit war es anders. Der Neid, der sogenannte Sozialneid inklusive, erlebte durchaus eine gewisse Blüte. Wie kam das? Wie erklärt sich das? Erklärt sich das hinlänglich schon aus der Verwurzelung des Neides in der menschlichen Natur, in den anthropologischen Konstanten, in einer ahistorischen Triebstruktur? Oder lassen sich dafür auch gesellschaftliche Bedingungen, typisch staatssozialistische Ursachen ausmachen?
Meine These lautet: Sogar der Sozialneid trieb eigentümliche Blüten, aber nicht trotz der Einebnung krasser sozialer Gegensätze, nicht trotz der relativ weitgehenden sozialen Angleichung, sondern wegen derselben.
Was die These genauer meint, läßt sich gut an bestimmten Gestalten des Sozialneides zeigen, die sich bei einer seinerzeit durchgeführten empirischen Untersuchung markant genug abgezeichnet haben. Diese Untersuchung wurde Mitte der 80er Jahre in der DDR durchgeführt, vor allem in Industriebetrieben, vor allem also unter Arbeitern, Ingenieuren, Verwaltungsangestellten und Managern, wie man heute sagen würde. Sie zielte auf eine tiefere Kenntnis von Arbeitsmotiven und faktisch wirksamen Wertorientierungen insgesamt, und sie bediente sich dazu des Interviews nach einem Gesprächsleitfaden, der Befragung per Fragebogen und der teilnehmenden Beobachtung. Im Ergebnis zeichnete sich, neben vielem anderen, eine Art Hierarchie des neidvollen Begehrens ab. Ganz oben in der Hierarchie rangierten drei Phänomene, drei Syndrome.

