Das Element des Raumes

Das Element des Raumes ist die Ausdehnung. Um es möglichst bündig zu formulieren: räumlich = in extensio. Aber wie hat man die Ausdehnung zu begreifen?

Das belassende Differieren und Wiederholen macht die Ausdehnung aus. Und was meint wieder der unvertraute Ausdruck „das belassende Differieren und Wiederholen“? Er meint etwas, das bei der Zeit, bei der eigentlichen,  noch vollständig ausbleibt. Typisch zeitlich geschehen Differieren und Wiederholen folgendermaßen: Ein Ereignis differiert zu einem anderen Ereignis, und dann gibt es das erstere nicht mehr. Ein Ereignis wiederholt ein Ereignis, und dann wird es das wiederholte Ereignis gerade durch sein Wiederholen nicht mehr geben. Differenz und Wiederholung lassen hier das Eine und das Wiederholte zum nicht mehr Gegebenen abschatten. Wenngleich es schon wichtig ist, daß etwas nicht mehr Gegebenes alles andere als einfach nicht gegeben ist. Im Kontrast dazu das belassende Wiederholen und Differieren. Das eine Ereignis differiert zum anderen Ereignis, und zwar so, daß dabei das erstere belassen wird. Ein Ereignis wiederholt ein Ereignis, und zwar so, daß das wiederholte belassen wird. All dies ereignet sich, es geschieht in der Zeit, es muß also auch bei dem Belassen irgend etwas zum nicht mehr Gegebene wegtreten. Aber was da ins nicht mehr Gegebene herabsinkt, ist nun lediglich das noch nicht um das andere Ereignis ergänzte Ereignis, das noch nicht um seine Wiederholung ergänzte Ereignis. Im Gefolge des belassenden Wiederholens und Differierens gibt es mithin das Eine und das Andere, das Wiederholte und das Wiederholende gleichzeitig. Das Eine und das Andere, das Wiederholte und das Wiederholende konfigurieren nun. Nicht mehr gibt es dann das Eine ohne das Andere, das zu Wiederholende ohne seine Wiederholung. Das macht den belassenden Charakter der Ausdehnung aus.

Ausdehnung als kraftvoll. In Gestalt der Ausdehnung geht das Werden über sich hinaus, und zwar per se. Per se, das heißt vermittels seiner eigenen Kraft. Diese Kraft erweist sich als das Vermögen zum Belassen. Kraft führt mitten im zeitlichen Differieren und Wiederholen über dieses hinaus, hin zu einem belassenden Differieren und Wiederholen, hin zur Ausdehnung. Von daher bildet die aktive Kraft, wie Leibniz formuliert, ein „der Ausdehnung vorausgehendes Prinzip“.[1] Ohne Kraft keine Ausdehnung, kein Raum, heißt es in einer frühen Schrift von Immanuel Kant.[2] Schon deshalb kann es den absolut leeren Raum nicht geben; noch die Leere strotzt vor Kraft. „Alles ist Kraft“, sagt Friedrich Nietzsche.[3] Möglich, daß einem – wie weiland Oswald Spengler[4] – am Ende das Wort „Kraft“ als der treffendere, weil weniger abstrakte Ausdruck für Raum  erscheint.

Gleichzeitigkeit. Es entspricht der Vermittlung des Raumes durch die Zeit, daß die (einfache) Ausdehnung noch direkt als Gleichzeitigkeit beschrieben werden kann. Nichts „anderes nämlich als die gleichzeitige Kontinuität ist die Ausdehnung“, sagt Leibniz[5]. Es gibt Ausdehnung, sobald das Eine und das Andere gleichzeitig bestehen. Alles, was es gleichzeitig gibt, gehört – auf welche konkrete Weise immer – zu einer Ausdehnung. Bei jeglicher Beziehung zwischen gleichzeitigen Ereignissen handelt es sich um eine Beziehung der Ausdehnung. Sie macht die gleichzeitige Andersheit aus. Von daher konzipiert Leibniz den Raumbegriff: „Zeit ist die Ordnung des nicht zugleich Existierenden … Raum ist die Ordnung des zugleich Existierenden, bzw. die Ordnung für alles, was zur gleichen Zeit existiert.“[6]

Konfigurieren. Die Beschreibung der Ausdehnung als Gleichzeitigkeit, als gleichzeitige Gegebenheit führt Leibniz mit einem reicheren Begriff weiter – mit dem des Koexistierens.[7] In der Ausdehnung besteht das Eine und das Andere nicht nur gleichzeitig, es besteht auch zusammen. Das Zusammenbestehen unterstellt Gleichzeitigkeit und geht darüber doch hinaus. Indem das Eine und das Andere nicht bloß gleichzeitig, sondern auch zusammen besteht, gibt es eine Bezogenheit des Einen und des Anderen aufeinander. Es gibt damit jene Aufeinanderbezogenheit, für die Worte wie „beieinander“, „nebeneinander“, „nacheinander“, „miteinander“ und dergleichen stehen. Um das Zusammenbestehen nicht zu eng zu fassen, sei es auch als Konfigurieren bezeichnet; der von Leibniz eingesetzte Begriff der Koexistenz soll einem besonderen, vordergründig ontischen Sachverhalt reserviert bleiben. – Bestehen Raum und Zeit ebenfalls zusammen, konfigurieren sie? Konfiguration unterstellt, wie gesagt, Gleichzeitigkeit. Da die Zeit unmöglich noch ihrerseits zu zeitigen vermag, kann sie ebenso  unmöglich mit irgend etwas gleichzeitig bestehen.

Ausdehnung als Äußerlichkeit? Es hat Tradition, den Begriff des Raumes in der einen oder anderen Weise an ein Außen, an Äußerlichkeit oder Außersichsein, und den der Zeit an ein Innen, an Innerlichkeit oder Innesein gebunden zu sehen. Kant bindet den Raumbegriff an die äußere Anschauung, den Zeitbegriff an die innere Anschauung[8] Ähnlich bei Schelling: Raum als der objektivierte äußere Sinn, Zeit als der objektivierte innere Sinn.[9] Hegel denkt sich den Raum schlechthin und überhaupt als die „unmittelbare Äußerlichkeit“.[10] Von späteren Neuauflagen dieses Topos zu schweigen. In Wahrheit gibt es im Raum nicht nur die Äußerlichkeit, sondern den ganzen Unterschied von Innen und Außen, von Innerlichkeit und Äußerlichkeit. Und es gibt den Innen-Außen-Unterschied auch einzig und allein als einen räumlichen. Der Zeitlichkeit steht alle Innerlichkeit genauso fern wie jegliche Äußerlichkeit. Auch wenn das Wort „Ausdehnung“ nach Lautung und Schriftbild dazu verführen mag, irgendeine Bevorzugung des Äußeren gegenüber dem Inneren kann es in der Philosophie nicht meinen. Die Innen-Außen-Scheidung besteht nicht zwischen Zeit und Raum, sie kann erst mit dem Raum auftauchen. Und auch dies nur als eine recht abgeleitete Scheidung.

Ausdehnung als Nebeneinander? Das „ideelle Nebeneinander“ nennt Hegel den Raum[11]. Er bestätigt damit die gang und gebe Vorstellung, der zufolge in der Zeit alles nacheinander geschehe, während es im Raum alles nebeneinander gebe, weil es doch gleichzeitig bestehe. Näher besehen, taugt natürlich weder die anschauliche Rede vom Nebeneinander noch die vom Nacheinander dazu, über Zeit und Raum irgend etwas für sie Eigentümliches auszusagen. Es gibt eine zutiefst räumliche Perspektive, in welcher sich das Nacheinander – das vermeintlich typisch zeitliche – als ein Nacheinander von Orten abzeichnet, als ein ganz räumliches also. In der Tiefe des Universums etwa sind nahe und ferne Galaxien nacheinander verortet. Die nahe Galaxie kann die ferne verdecken, weil und insofern die beiden nacheinander verortet sind. Freilich gibt es auch ein ausgesprochen zeitliches Nacheinander, das der vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Ereignisse. Was hebt das Nacheinander der Orte vom Nacheinander der vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Ereignisse ab? Der belassende Charakter. Der ferne Ort beläßt den nahen  Ort und umgekehrt, während künftige Ereignisse die gegenwärtigen zu vergangenen entrücken werden, statt sie als gegenwärtige je belassen zu können. Und es ist auch der belassende Charakter, der ein Nebeneinander zum räumlichen, zu einer Ausdehnung macht. Da liegt der springende Punkt aller Ausdehnung und Räumlichkeit – beim belassenden Differieren und Wiederholen.

Zeitliche Ausdehnung als Schein. Man spricht von einer räumlichen und einer zeitlichen Ausdehnung. Edmund Husserl spricht davon sogar in systematischer Absicht.[12] Mit der hier vertretenen Auffassung  von der Ausdehnung verträgt sich diese Rede offenkundig nicht. Gibt es sowohl eine räumliche als auch eine zeitliche Ausdehnung, so läßt sich nicht folgerichtig behaupten, bei der Ausdehnung schlechthin und überhaupt handle es sich um etwas genuin Räumliches, um das Element des Raumes. Aber gibt es denn in der Tat auch eine zeitliche Ausdehnung? Die Rede von ihr mutet genauso plausibel an wie die von der zeitlichen Länge eines Ereignisses. Beide Ausdrucksweisen fallen allerdings auch gleichermaßen delusorisch aus. Sie sitzen einem Schein auf, den die Darstellung der Zeit an räumlichen Ereignisbewegungen auswirft. Was als zeitliche Ausdehnung erscheint, ist ja die Dauer. Der Dauer jedoch fehlt streng genommen vollständig jener belassende Charakter, den das Wort „Ausdehnung“ mit Sicherheit meint. Das Morgen wird das Heute gerade nicht belassen, sondern zum Gestern entrücken. Bei der Dauer bleibt etwas nur, indem es in Erinnerung bleibt, statt daß die Dauer selbst es belassen würde. Die Dauer wird eben als eine Linie, als lineare Ausdehnung falsch vorgestellt, in einer unangemessen räumlichen Weise genommen und verfehlt. Ein belassendes Differieren und Wiederholen weist allein die Ausdehnung, die das Element des Raumes bildet, auf.

Ausdehnung und Qualität. Etwas rein  Quantitatives versteht Helmuth Plessner unter der  Ausdehnung. Von daher meint er, einem Denken der Körperlichkeit, das wesentlich mit dem Begriff der Ausdehnung operiert, eine Art von Reduktionismus vorhalten zu können. „Besteht das Wesen der Körperlichkeit in Ausdehnung (wofür also Quantität bzw. Meßbarkeit eintreten kann), so dürfen die meßfremden, qualitativen Eigenschaften der Körper nicht zum Wesen der Körperlichkeit gehören.“[13] Was tatsächlich arg reduzierend ausfällt, ist Plessners Verständnis der Ausdehnung. Zu etwas rein Quantitativem läßt sich die Ausdehnung wirklich nur auf dem Wege einer gedanklichen Reduktion herabsetzen. Verstanden als belassendes Differieren und Wiederholen, macht  Ausdehnung nichts Geringeres als  die unabdingbare Voraussetzung aller Qualität und Quantität aus. Nur was Ausdehnung kennt, was gleichzeitig das eine und das andere ausmacht, was gewissermaßen eine konfigurative Beschaffenheit aufweist, kann es zu Qualität und Quantität bringen.



[1] Gottfried Wilhelm Leibniz, Briefe von G. W. Leibniz an B. de Volder, Philosophische Schriften, Bd. V 2, hg. u. übers. v. W. Wiater, Darmstadt 1989, S. 145.

[2] Immanuel Kant, Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte, Kants gesammelte Schriften Bd. 1, Berlin 1910, S. 23.

[3] Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente. Juli 1882 bis Winter 1883 – 1884, Nietzsche Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. VII 1, Berlin – New York 1977, S. 5.

[4] Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, München 1990, S. 511.

[5] Gottfried Wilhelm Leibniz, Briefe von G. W. Leibniz an B. de Volder, a. a. O., S. 125.

[6] Gottfried Wilhelm Leibniz, Metaphysische Anfangsgründe der Mathematik, Philosophische Schriften, Bd. 4, hg. u. übers. v. H. Herring, Frankfurt am Main 1996, S. 353.

[7] „Die Ausdehnung ist eine Abstraktion des Ausgedehnten. Das Ausgedehnte aber ist ein Kontinuum, dessen Teile koexistent oder zugleich da sind.“ (Gottfried Wilhelm Leibniz, Neue Abhandlungen 2, XIII, § 15).

[8] Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, , Kants gesammelte Schriften Bd. 3, Berlin 1911, S. 60, 62.

[9] Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, System des transzendentalen Idealismus, Friedrich Wilhelm Joseph Schellings sämtliche Werke, 1. Abt. 3. Bd., S 466.

[10] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830), Berlin 1966, S. 207.

[11] Ebenda, S. 206.

[12] Edmund Husserl, Ding und Raum, Husserliana Bd. XVI,  1991, S. 61 ff.

[13] Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch, Berlin – New York 1975, S. 43.

Abb.: Andreas Mohn, Raum und Zeit

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