Lust am Leiden

Was ist Grausamkeit? Sie ist die Lust am Leiden – nicht schon das Leiden und Leidzufügen überhaupt, auch nicht das besonders schmerzliche, extreme, schreckliche Leiden und Leidzufügen, sondern erst die Lust am Leiden. Die paradoxe Verknüpfung von Lust und Leid macht das eigentümliche Wesen der Grausamkeit aus. Sie hat viele Gesichter. Lust am Leiden – das kann zum einen die am fremden oder die am eigenen Leiden sein. Zum anderen kann sie am physischen oder am seelischen Leiden empfunden werden. Schließlich kann Grausamkeit noch die Lust am eigens zugefügten Leiden oder die am bloß erlebten Leiden sein.

Grausamkeit hat Abkömmlinge.  Am nächsten steht ihr die Schadenfreude. Das Wort „Schadenfreude“ ist im Deutschen das einzige Wort, das explizit die Struktur der Grausamkeit zum Ausdruck bringt. Schadenfreude = Freude am Schaden = Lust am Leiden. So bruchlos, wie hier die strukturelle Übereinstimmung ausfällt, muß es sich bei der Schadenfreude zweifellos um einen direkten Ableger der Grausamkeit handeln. Und wenn wir nun der Schadenfreude auch nur ein wenig nachspüren und nachgehen, finden wir, wie in ihrer Gestalt die Lust am Leiden plötzlich in Sphären der Kultur auftaucht, die mit Grausamkeit am allerwenigsten zu tun zu haben scheinen.

Es gibt die Schadenfreude nämlich nicht allein als eine individuelle Verhaltensweise. Daran denkt man ja zunächst bei ihr – an ein Verhalten des Einzelnen oder von einzelnen Mitmenschen. Es gibt die Schadenfreude auch in einer kollektiven Form, als eine kollektive, rational organisierte und sogar ritualisierte Schadenfreude. Um kollektive Schadenfreude handelt es sich nicht zuletzt bei den für unsere Kultur überaus bedeutsamen Siegesfeiern. Eine sportlich, politisch, militärisch oder sonstwie motivierte Siegesfeier ist fast immer auch das Feiern einer Niederlage. Man feiert mit dem eigenen Sieg zugleich die Niederlage eines sportlichen Kontrahenten, eines wirtschaftlichen Konkurrenten, eines politischen Gegners, eines militärischen Feindes.

Die kollektive Schadenfreude hat  historisch nur deshalb eine so aufwendige Ritualisierung erfahren, weil sie eine enorme soziale Bedeutung besitzt, und zwar für nichts Geringeres als für das solidarische Handeln. Wie könnten sich Menschen untereinander oder miteinander solidarisieren, sich gegen einen sportlichen Kontrahenten, einen wirtschaftlichen Konkurrenten, einen politischen Gegner zusammenschließen, ohne dessen Niederlagen, dessen Schädigung also, zu wünschen, herbeiführen zu wollen und gegebenenfalls zu feiern? Die kollektive Schadenfreude gehört zu den wichtigsten Motiv-Quellen der Solidarisierung von Menschen, zu den unabdingbaren Springquellen des solidarischen Geistes. Daß Solidarität sich noch aus vielen weiteren Quellen speist, ist unbestreitbar. Aber ebenso versteht sich: keine Solidarität ohne kollektive Schadenfreude.

In der Zwischenbilanz zeichnet sich folgender Zusammenhang ab: Es ist die grausame Lust, die am Leiden sich befriedigende, die vermittelt über ihren direkten Ableger, die Schadenfreude, vermittelt ferner über ihren indirekten Ableger, die kollektive Schadenfreude, schließlich und endlich unter den Kraftquellen der anheimelnden Solidarität auftaucht.

Auf einen ganz ähnlichen Zusammenhang stoßen wir, wenn wir noch einen zweiten Ableger der Grausamkeit ins Auge fassen und näher betrachten. Ich meine die Genugtuung. Und zwar  in dem strengen Sinne der Satisfaktion. Erinnert sei exemplarisch an die Stimmungen und Gefühle, die hierzulande aufsteigen, sobald in der Öffentlichkeit die Nachricht von einem abscheulichen Verbrechen umgeht, und   landauf, landab der Wunsch laut wird, derjenige, der anderen Menschen ein Leid zugefügt hat, soll nun seinerseits gehörig leiden. So richtig leiden, und sei es durch eine drakonisch strenge Bestrafung. Das erfüllt die Struktur der Genugtuung. Sie ist die Lust am Leiden des Leidbringenden. Sie stellt einen Ableger der Lust am Leiden überhaupt dar, eine erweiterte, komplexere Gestalt davon.

All das verdiente hier kaum Erwähnung, stellte das Gefühl der Genugtuung und vor allem der Wunsch nach Genugtuung nicht eine außerordentlich bedeutsame Triebkraft dar, und zwar für eine Gesinnung, deren moralische Güte über allen Zweifel erhaben scheint: Für den Gerechtigkeitssinn. Der Wunsch, ach was sag ich, die Begierde nach Genugtuung gehört zu den wichtigsten und kraftvollsten Quellen des Gerechtigkeitssinnes.

Damit hat sich abermals ein Zusammenhang abgezeichnet, der bei der Struktur der Grausamkeit anhebt, der diesmal über die Genugtuung vermittelt ist, die sich noch leicht als Ableger der Lust am Leiden wiedererkennen läßt, und der schließlich in den Gerechtigkeitssinn einmündet, in etwas zweifelsfrei Gutes.

Um was für eine Art von Zusammenhängen handelt es sich dabei? Kann man sagen, Gerechtigkeitssinn und Solidarität bilden Formen der Grausamkeit, bilden Arten oder Unterarten der Grausamkeit? So gedeutet, würden die fraglichen Zusammenhänge fehlgedeutet. Vielmehr handelt es sich bei ihnen um genealogische Beziehungen, um Abstammungsbeziehungen. Der Gerechtigkeitssinn ist keine Form oder Art von Grausamkeit sondern ein Abkömmling der Lust am Leiden, ein Derivat davon, ein Ableger dessen. Gewissermaßen ein Kind der Lust am Leiden. Und natürlich nicht allein ein Kind der Lust am Leiden. Kinder stammen ja nie allein von einem Wesen ab. Solidarischer Geist und Gerechtigkeitssinn sind Kinder auch der Lust am Leiden.

Abb.: Katrin Redeker, Langsames Untertauchen

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