Pöbel oben, Pöbel unten

Noch im 18. Jahrhundert war Pöbel der Name eines Standes, die umgangssprachliche Bezeichnung des untersten Standes in der spätfeudalen Ständeordnung. Offiziell hieß dieser Stand ordo plebejus. Der bekannte Sozialhistoriker Werner Conze hat in seinem Buch Vom Pöbel zum Proletariat den ordo plebejus ausführlich beschrieben. Es muß sich um eine Gruppe von Menschen mit geradezu viehischer Lebenslage gehandelt haben. Hegel gibt die neapolitanischen Lazzaroni als Prototyp an. Der viehischen Lebenslage soll eine außergewöhnlich brutale, rohe, stumpfsinnige Mentalität entsprochen haben. Herder spricht von extraordinärer Pöbelniederträchtigkeit, Lavater von blutgierschwangerer Pöbelwuth.

Der Pöbelstand verschwindet beim Übergang zum industriellen Kapitalismus, die Rede vom Pöbel aber bleibt. Mehr noch, erst jetzt bricht unter deutschen Intellektuellen ein gewisser Pöbeldiskurs aus. Dieser Diskurs sieht seinen Referenten eine überraschend kommende Wandlung durchlaufen. Man sieht den Pöbel plötzlich an Orten auftauchen, wo ihn seine Sozialgeschichte gar nicht vermuten läßt. Man findet ihn an Universitäten, bei Hofe, in der sogenannten besseren Gesellschaft. Kant beklagt sich an einer Stelle über den Pöbel der Vernünftler. Mit den Vernünftlern waren offenkundig Berufskollegen gemeint, Fachphilosophen, Lehrstuhlinhaber. Der Pöbel der Vernünftler muß sich mitten unter den Akademikern aufgehalten haben. Einige Jahre später beschreibt Geheimrat von Goethe, wie sich bei Hofe der pöbelhafte Hofmann breitmacht und vordrängelt. Der Pöbel nun auch als eine Sorte von Obrigkeit. Abermals einige Jahre später geht Heinrich Heine so weit, einen anderen prominenten Literaten seiner Zeit, Ludwig Börne, zum Pöbelmann zu erklären. Man bedenke, ein promovierter Lateiner, aus gutem Hause, betucht, wohlriechend, mit artigen Manieren, und nichtsdestotrotz eine solche Ausgeburt. All dies sollte besser nicht als salopper oder gar nachlässiger Umgang mit dem provokanten Begriff abgetan werden. Es will vielmehr als deutliches Anzeichen eines Bedeutungswandels verstanden werden. Der Begriff des Pöbels muß aufgehört haben, eine fest umrissene soziale Gruppe zu meinen. Er muß vor allem aufgehört haben, ein soziales Unten, das Unten in einer sozialen Hierarchie zu meinen. Goethe unterscheidet sogar ausdrücklich zwischen dem unteren und dem oberen Pöbel. Nietzsche bringt das auf den Punkt, wo er einen freiwilligen Bettler im Gespräch mit Zarathustra ausrufen läßt: Pöbel oben, Pöbel unten! Was ist heute noch ‚Arm‘ und ‚Reich‘! (KGA VI 1, S. 332). Der fragliche Typus soll unten wie oben heimisch sein, unter den Armen wie unter den Reichen. Folgerichtig angenommen werden kann das allerdings nur unter einer Voraussetzung: Der Pöbel muß dann kein sozialstruktureller Typus mehr sein, sein Begriff darf nicht mehr der soziologischen Terminologie angehören. Was aber ist er dann? Was meint das so bedingungslos verächtlich klingende Wort, wenn man es sogar Hochgebildeten, Obrigkeiten und Wohlhabenden um die Ohren hauen darf?

Wer vom Pöbel ist, der will umsonst leben, sagt Nietzsche (a. a. O., S. 246). Umsonst leben, das bedeutet doppeltes: sinnlos und kostenlos. Wer des Pöbels ist, will in eins sinnlos und kostenlos leben, will ein sinnliches Dasein ohne Sinn und ohne es verantworten zu müssen.

Da nun aber kaum etwas tatsächlich umsonst zu Gebote steht, muß sich die im Ansatz radikale Wertschätzung für das Umsonstsein abrunden; sie rundet sich zu einer inbrünstigen Vorliebe für das Billige ab. Das Billige jetzt im denkbar weitesten Sinne genommen, nicht allein im finanziellen Sinne, auch und noch mehr im ästhetischen Sinne. Das Billige also auch im Sinne der billigen Ausrede, der billigen Tricks, der sprichwörtlichen billigen Tour, die Charakterlosigkeit verrät, der kitschigen Gefühle und Gegenstände, des Abgeschmackten überhaupt, von der abgeschmackten Denkform bis zur abgeschmackten Umgangsform. In der Vorliebe für das Billige gibt sich die ursprünglich radikale Wertschätzung des Umsonst auf gedämpfte Weise zu erkennen. Diese Vorliebe macht bereits einen ganzen Komplex von ungeduldigen Begierden und zu kurz greifenden Wertschätzungen aus. An ihm zeichnet sich schon der neue Charakter des Pöbelhaften ab, der an die Stelle der einstigen soziologischen Merkmale getreten war – ein sozialästhetischer Charakter. Pöbel, wie ihn das hellsichtige 19. Jahrhundert versteht, ist ein sozialästhetischer Typus, nicht ein soziologischer.

Jener Komplex vermag als solcher eigenlogisch zu wuchern. Eine seiner Wucherungen ist der Kult des Unverdienten, oder genauer gesagt, der Kult des unverdienten Verdienstes. Nach vertrauten Phänomenen davon muß man nicht umständlich suchen. Der Kult wird geräuschvoll getrieben. Namentlich an der Börse. Die in den letzten fünfzehn Jahren grassierende exorbitante Aufwertung des spekulativen Kapitals und seines Spekulationsgewinns – bei gleichzeitiger Abwertung der reellen unternehmerischen Tätigkeit – steht uneingeschränkt für den Kult des unverdienten Verdienstes. Der historisch geläufige Geburtsadel baute sein Standesbewußtsein mit Sicherheit auch und nicht zuletzt auf die unverdienten Umstände der Geburt. Mit dem Typus des Pöbelhaften hat er dennoch nichts zu schaffen, schon deshalb nicht, weil in seinem Falle das Unverdiente rein als solches genossen und nicht als Verdienst drapiert wird. Anders im Falle des spekulativen Kapitals. Sein Spekulationsgewinn gibt sich – und zwar durchaus objektiv – als ein Verdienst, ohne doch – ebenso objektiv – verdient sein zu können. Darin ähnelt er dem Kitsch, der als Kunst daherkommt, ohne deren Maßstäbe im mindesten genügen zu können, oder dem billigen Imitat, dem Surrogat. Wo der Spekulationsgewinn anhebt, sämtliche ökonomische Phantasie zu binden, so daß für bodenständige unternehmerische Tätigkeit keine Phantasie übrig bleibt, dort geht die sogenannte Wirtschaftselite in den Aggregatzustand des abgeschmackten Reichtumspöbels über.

Pöbelhaftes Tun und Treiben in dem vom 19. Jahrhundert entdeckten sozialästhetischen Sinne kennt unsere Zeit also sehr wohl, den Begriff des Pöbels aber verwendet der demokratistische Zeitgeist kaum. Er zieht es vor, mit dem Kürzel Proll die Verachtung wieder sozialstrukturell dingfest machen zu wollen.

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1 Kommentar

  1. Ja der Pöbel ist der Beamte, der korrupten Richter. Menschen die sich kaufen lassen, abwerten ,ihre eigenen Seelischen Schatten auf andere suggerieren wollen und damit Geld verdienen. Sie sind taktlos ,hinterhältig und tun alles für Geld. Menschenleiden wird geschaffen und die Affen Leben vom Hohn den sie abartig geschaffen.

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