Gottes Mörder – frei nach Friedrich Nietzsche

Seit längerem ist Gott nun schon tot. Die Art, wie er ums Leben kam – er wurde ja ermordet – bewegt  die Gemüter nicht mehr so heftig wie vor Jahren, aber amtlich wird noch  immer nach dem Mörder gesucht. Man vermutet, er hält sich versteckt in einem grauenhaften Tal namens „Schlangentod“, wo es nur so wimmelt vor huschigem, züngelndem, schleimigem Getier gräßlichster Bildung. Dorthin begibt sich eines Tages Zarathustra. Es dauert nicht lange, bis er auf einen Menschen trifft, den man den allerhäßlichsten Menschen auf Erden nennt. Als er an ihn herantritt und die ganze abgründige Häßlichkeit zu sehen bekommt, wird er über die Maßen verlegen. Er müht sich sehr, die Verlegenheit zu verbergen, aber Schamröte verrät ihn. „Du brauchst deine Verlegenheit nicht zu verbergen“, sagt da der Unglückliche, „sie zeigt mir, daß Du mich ernst nimmst. Die Menschen in meiner Heimat nahmen  mich niemals ernst. Jeder Mensch ist in seiner Art schön, sagten sie mir, ausgerechnet mir. Schönheit komme von innen. Innere Werte seien wichtiger als Aussehen. So wenig respektierten sie mich, daß sie mich mit Redensarten abspeisen wollten. Du dagegen scheinst anders zu sein. Wirklich anders.“ Mit seinen von grintigen und eitrigen Hautlappen umhängten Augen sieht er den Besucher prüfend an, um dann fortzufahren: „Deshalb verrat ich Dir mein Geheimnis.“ „Dein Geheimnis?“, fragt Zarathustra mit belegter Stimme, dumpf ahnend, was er gleich zu hören bekommen wird. „Ich war’s. Ich habe Gott umgebracht.“ Mehr ungläubig als entrüstet schaut Zarathustra den Geständigen an. War dem eine so gefährliche Tat wirklich zuzutrauen?

„Du bist nicht der einzige, der mir das nicht zutraut“, versetzt darauf der Allerhäßlichste, „deshalb hause ich ja immer noch frank und frei unter alldem Getier, das am allerwenigsten Grund hat, mich mit betulichem Mitleid zu erniedrigen. Niemand sucht mich wegen Mordes, weil mir’s niemand zutraut, und mir traut es niemand zu, weil mich keiner ernst nimmt. Dabei habe ich als einziger ein geradezu zwanghaftes Motiv. Du hast sicherlich nichts dagegen, wenn ich bei Dir um etwas Verständnis für mein Tun werbe. Schau, ich habe mich in diese grausige Gegend doch nur zurückgezogen, damit mich niemand mehr kalt beobachten, neugierig taxieren und genüßlich bemitleiden kann. Und was die gewöhnlichen Menschen betrifft, ist mir das ja auch gelungen. Von denen traut sich keiner her. Aber ein einziger Beobachter war mir doch geblieben, ein ständiger Beobachter, ein niemals und nirgendwo abzuschüttelnder. In welchem Winkel ich mich auch verkroch, wie tief ich mich auch versteckte, er hatte mich unentwegt im Blick. Gott sieht alles, sagt man und weiß nicht, was man da eigentlich sagt. Anfangs versuchte ich mich daran zu gewöhnen – immerhin war es nicht irgendwer, sondern der Göttliche, der mich niemals aus den Augen ließ – aber die Gewöhnung wollte einfach nicht gelingen. Sie konnte nicht gelingen,  denn  die Allgegenwart eines fremden Blicks ist die Hölle auf Erden, wenn man wie ich etwas zu verbergen hat. Über das Gefühl, mit meiner so peinlichen Häßlichkeit niemals ganz für mich allein sein zu können, drohte mir noch der Rest von Würde abhanden zu kommen. Wie konnte ich mir eine gewisse Würde bewahren? Indem ich mich per Freitod der durchdringenden Blicke von ganz oben entziehe? Das konnte es nicht sein, nachdem ich schon bei der Schöpfung zu kurz gekommen bin? Aber was dann tun? Was blieb übrig? Doch nur eines. Ich mußte es tun. Seitdem kann ich wenigstens von Zeit zu Zeit einem menschlichen Wesen unter die Augen treten. – Zarathustra befreit sich von den Schlangen, die seine Beine würgen, grüßt stumm und begibt sich nach Hause. Gefragt, ob er den Mörder Gottes ausfindig machen konnte, antwortet er, nicht mehr an einen Mordfall zu glauben.

Abb.: Arnold Böcklin, Die Toteninsel

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3 Kommentare

  1. Ich kann noch keinen Kommentar schreiben.Ich muss diesen Herrn Nietsche erst noch näher
    kennenlernen. Ich bitte um etwas Geduld.Ein bisschen sympathisch ist er mir schon, weil………..

    Ich hörte zwei Lerchen singen,
    sie sangen so hell und klar,
    und flogen auf freudigen Schwingen,
    am Berliner Himmel so wunderbar.

  2. Heute am 18.6. habe ich den Nietsche(bei mir ohne z) NIETSCHE=BLITZ erlebt.
    Ich möchte Ihnen danken,dass ich durch Ihren Artikel diesen DENKER kennengelernt habe.
    Musik kann ich nur verstehen,wenn ich das Orchester sehe, doch die STRAUSS-ZARATHUSTRA-Musik
    muss ich kaufen.

    pico

  3. Lieber Hartwig Schmidt,
    ich habe mit Begeisterung diesen „Bericht“ gelesen und auch gleich an Freunde weitergeschickt. Nun bin ich ein nichtgläubiger Mensch, frage mich, wie ein Mensch, der an Gott glaubt, darauf reagieren wird.

    „Schöne“ Grüße aus Frankfurt an Berlin,
    Malies

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