Lebloses, Entropie, Lebendiges

In den Naturwissenschaften hat es schon eine gewisse Tradition, Lebendiges und Lebloses, Lebewesen und prävitale Wesen im Lichte des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik voneinander unterscheiden zu wollen.

Was den urtümlich von Rudolf Clausius formulierten Hauptsatz selbst betrifft, so nehme ich ihn in der üblichen Weise als einen Satz, der das „Gesetz von der Zunahme der Entropie“ beschreibt. Mit den Worten von Ilya Prigogine gesagt, impliziert er „die Existenz einer Funktion S, der Entropie, die so lange monoton wächst, bis sie im thermodynamischen Gleichgewichtszustand ihr Maximum erreicht“ (Vom Sein zum Werden, München – Zürich 1988, S. 29).

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wurde wiederholt versucht, unter Berufung auf den viel besprochenen Satz eine fundamentale Differenz zwischen Leblosem und Lebendigem nachzuzeichnen. Damit begonnen hat meines Wissens Felix Auerbach innerhalb seines 1910 erstmals erschienenen Textes „Ektropismus und die physikalische Theorie des Lebens“ (Leipzig 1910). Dort wird eine den leblosen Körpern eigentümliche Tendenz sowie eine den Lebewesen eigentümliche Tendenz ausgemacht und die eine von der anderen geschieden. Die Tendenz lebloser Körper sei die zur Zunahme der Entropie, während die den Lebewesen eigentümliche Tendenz als „vitaler Ektropismus“ bezeichnet wird. Lebloses als von Grund auf entropisch, Vitales als ektropisch. Auf seiten der Philosophie hat sich als erster Helmuth Plessner solchen Thesen gestellt. In seinem 1928 erstveröffentlichten Buch „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ referiert er Auerbach wie eine sichere Quelle. „Während alles physische Sein dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, dem Prinzip der Entropie unterliege, wonach bei allen energetischen Umsetzungen Wärme frei wird, die Gesamtenergie des Weltalls also einem Minimum zustrebt (Kältetod), sei Leben energiesteigernd und -bindend, ektropisch. Nur aus diesem Prinzip der Ektropie sei überhaupt Entwicklung zu begreifen.“  (Berlin – New York 1975, S. 198). Im Gegensatz zum Leblosen sei das Leben energiesteigernd und energiebindend und diesen Sinnes ektropisch.

Wo man heute über Lebloses, Lebendiges und Entropie Aussagen macht und Überlegungen anstellt, geht man ideengeschichtlich fast niemals auf Auerbach und seine nächsten philosophischen Interpreten zurück, sondern zumeist auf Erwin Schrödinger. Dessen wirklich berühmt gewordener Text „Was ist Leben?“ aus dem Jahre 1944 gilt zeitgenössischen Autoren als Auslöser der einschlägigen Deutungsbemühungen. Auch dieser Text macht an leblosen Körpern einerseits und lebenden Organismen andererseits entgegengesetzte Tendenzen aus. „Wenn ein unbelebter Körper isoliert oder in eine gleichförmige Umwelt gestellt wird, kommt jede Bewegung gewöhnlich sehr bald, als Folge verschiedener Arten von Reibung, zum Stillstand. Elektrische oder chemische Potentialunterschiede werden ausgeglichen, das Streben von Substanzen zur Bildung einer chemischen Verbindung hört auf, sobald die Verbindung hergestellt ist, Temperaturen gleichen sich durch Wärmebewegungen aus. Damit verschwindet die ganze Körperhaftigkeit, und übrig bleibt ein totes, träges Stück Materie. Ein Dauerzustand ist erreicht, in dem keine beobachtbaren Vorgänge vor sich gehen. Der Physiker nennt ihn den thermodynamischen Gleichgewichtszustand oder den Zustand ‚maximaler Entropie‘.“  (München 1951, S. 98). Anders beim Lebendigen. Im Vergleich mit dem leblosen Körper mute der vitale Organismus geradezu rätselhaft an. „Ein Organismus erscheint deswegen so rätselhaft, weil er sich dem raschen Verfall in einen unbewegten ‚Gleichgewichtszustand‘ entzieht, und dieses Rätsel hat die Menschheit so viel zu schaffen gemacht, daß sie seit den frühesten Zeiten des philosophischen Denkens und teilweise auch heute noch behauptet, im Organismus sei eine unkörperliche, übernatürliche Kraft wirksam (vis viva, Entelechie).“ (S. 99).  Es fragt sich nun weiter, wie, auf welche Weise es der lebendige Organismus vermag, sich dem „Verfall in einen unbewegten ‚Gleichgewichtszustand'“ zu entziehen. Die Antwort, schreibt Schrödinger, lautet offenbar: Durch Essen, Trinken, Atmen und (im Falle der Pflanzen) durch Assimilation. Gemeinhin nennt man dies „Stoffwechsel“. Aber werden bei dem eigentlich gemeinten Geschehen in der Tat Stoffe gewechselt und ausgetauscht? Oder Energien? Mit solchen Fragen dringt Schrödinger bis an die Schwelle vor, die einen physikalischen Befund von einer metaphysischen Erhellung trennen könnten. Über die Schwelle geht er nicht. Statt dessen sucht er sein Heil auf seiten der physikalischen Begrifflichkeit, bei einer Differenzierung des Begriffs „Entropie“, bei dessen Differenzierung in einen Begriff der „negativen Entropie“ und einen der „positiven Entropie“. Aber schon den Begriff der Entropie angemessen zu erläutern, bereitet den Naturwissenschaftlern regelmäßig fühlbare Schwierigkeiten, der Versuch, den unhandlichen Terminus zu zerfasern, konnte die Schwierigkeit höchstens vergrößern. Bereits das mag dafür gesorgt haben, daß sich diese Deutungsrichtung nicht durchgesetzt hat.

Durchgesetzt und als eine unter Biologen und Biophilosophen weithin verbreitete Auffassung etabliert hat sich nicht mehr und nicht weniger als die folgende These: Anders als das Leblose halten sich Lebewesen fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht (und sind dieserart nicht den Beschränkungen des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, der Tendenz zur Zunahme von Entropie unterworfen). Gleichviel, ob man dies nun ausdrücklich zurückführt auf die Fähigkeit von Lebewesen, über Nahrung und Atmung entropiearme Energieströme aufzunehmen und entropiereiche abzugeben – wie das z. B. Gerhard Vollmer tut (Biophilosophie, Stuttgart 1995, S. 163) – oder einfach auf den Status von Lebewesen, offene Systeme zu sein – wie das u. a. Ernst Mayr macht (Das ist Biologie, Heidelberg – Berlin 1998, S. 46)  – oder aber auf noch ganz andere Merkmale.

All dies nehme ich als einen vorzugsweise naturwissenschaftlichen Befund. Gesetzt den Fall, er trifft zu, oder vorsichtiger formuliert, es ist an ihm etwas dran. Gerade dann fordert er zu metaphysischen Überlegungen heraus. Um an dieser Stelle nur eines von den Problemen zu markieren, die um so notwendiger aufbrechen, je zutreffender der referierte Befund ausfällt, und die zu metaphysischen Überlegungen herausfordern: Wenn es dem Leben eigentümlich ist, sich fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht zu halten, wodurch kann es dann so etwas wie den Tod geben? Die blanke These, Leben halte sich weitab von jenem Gleichgewicht, läßt sich logisch gewaltfrei zu der Annahme eines für die Zukunft ewigen Daseins verlängern. Der Befund über das, was Lebewesen vom Leblosen abhebt, läßt zumindest die Sterblichkeit der sich sexuell fortpflanzenden Lebewesen eher rätselhaft anmuten. Entziehen sie sich wirklich regelmäßig dem Verfall in einen „unbewegten Gleichgewichtszustand“, wieso tun sie das dann nicht auf immer und ewig, gleichsam wie die unsterblichen Götter? Weil nun einmal alles endlich ist? Das kann nicht einfach vorausgesetzt werden, gerade solcherart Annahmen gehören hinterfragt. Wohlgemerkt, die unbestreitbare Tatsache der Sterblichkeit von geschlechtlich fortgepflanzten Lebewesen spricht keineswegs wie ein Gegenbeweis gegen besagten Befund. Sie reimt sich aber nicht mit ihm. Seriöser gesprochen, dieser Befund einerseits und das Wissen um die Sterblichkeit andererseits bilden zusammengedacht ein Aporem, eine Denkschwierigkeit, stehen aporematisch zueinander. Und statt darauf den Befund verwerfen zu wollen, gilt es das Aporem ebenso zu realisieren wie zu lösen. Wie können Wesen sich typischerweise weitab vom thermodynamischen Gleichgewicht bewegen und zugleich doch sterblich sein?

 

Abb.: Adrogon, Entropie des Gesamtsystems

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