Kinderschänder

Wieso erregen sich die Gemüter über Kinderschänder ungleich heftiger als über Kindermörder? Wenn eine Frau ihren Säugling vom Balkon wirft, ist die Öffentlichkeit entsetzt, wenn ein Kind mißbraucht wird, ist sie voller Abscheu. Niemand entzündet die Vergeltungsphantasie des Volkes dermaßen intensiv wie der Kinderschänder, niemand zieht eine so haßerfüllte Empörung auf sich wie er. In den Gefängnissen, unter Häftlingen steht er am schlechtesten da. Wer eine Frau vergewaltigt hat, ist dort ein Krimineller unter Kriminellen, wer ein Kind mißbraucht hat, steht noch unter den Kriminellen. Selbst  inhaftierte Serienmörder, Kriegsverbrecher und Berufskiller empfinden gegenüber dem Kinderschänder tiefe Abscheu  und meinen, ihn auch  ihrerseits noch verfolgen und bestrafen zu müssen.

Ein Mord berührt vornehmlich unsere moralischen Gefühle; und das Grundgefühl der Moralität ist eine Angst – die Angst vor der Aggression des Mitmenschen. Der Kindesmißbrauch berührt  mehr noch einen anderen Gefühlskomplex, einen, der beim Ekel seinen Ausgang nimmt. Morden ist böse, Kindesmißbrauch ist widerwärtig. Der Ekel aber sitzt anthropologisch tiefer als jene Angst vor dem Mitmenschen, die uns den Begriff des Bösen hat erfinden lassen. Der Ekel mit seinen zahlreichen Abkömmlingen kommt  elementarer,  basaler, wuchtiger daher. Deshalb bewegen Kinderschänder heftiger noch als Kindesmörder die Gemüter.

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