Dialektik der Negativität – Hegel 1

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831) weiß es zu schätzen, welche Aufwertung die Dialektik in Kants Philosophie erfahren hatte. Für Kant war sie der Teil seines Philosophierens, der – zumindest in der „Kritik der reinen Vernunft“ – die umfänglichste Darstellung findet und die intensivste Aufmerksamkeit des Lesers verdient. Bei alledem blieb Dialektik allerdings ein Teil, eine unter mehreren philosophischen Disziplinen, eine Rubrik im System. Für Hegel bedeutet sie mehr als ein Teil, eine Disziplin, eine Rubrik; sein Philosophieren versteht sich in allen Teilen und nach allen Seiten hin als ein dialektisches – als dialektisch konzipiertes wissenschaftliches System. Am vollständigsten und umfänglichsten hat er sein System in dem Buch „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ ausgebreitet. Danach besteht es aus einer Logik, einer Philosophie der Natur, die auch von Raum und Zeit handelt, und einer Philosophie des Geistes, die eine Ethik und Staatslehre einschließt und im Rahmen einer speziellen Vorlesung über die Vernunft in der Geschichte um eine Geschichtsphilosophie ergänzt wird. Der Dialektik verschrieben sind alle drei Teile. In allen drei wird Dialektik als Theorie und Methode von Entwicklungen ausgeführt. Unter Entwicklung wird dabei eine Bewegung verstanden, die zweierlei auszeichnet. Erstens ist das eine aufsteigende Bewegung, und das soll heißen: eine Bewegung vom Einfachen zum Vielfältigen, vom Bestimmungslosen über das Bestimmungsarme zum Bestimmungsreichen, ja vom Niederen zum Höheren, wie es vor allem in den geschichtsphilosophischen Vorlesungen heißt. Zweitens ist Entwicklung Selbstbewegung, und das soll heißen: Bewegung vermittels einer Kraft, die dem Bewegten eigen ist und seine Negativität genannt wird. Entwicklung oder dialektische Bewegung sei die aufsteigende Selbstbewegung kraft Negativität.

Der Philosophie des Geistes hat Hegel das erste seiner Epoche machenden Werke gewidmet. Es trägt den Titel „Phänomenologie des Geistes“. Es vollzieht eine der dialektischen Bewegungen nach, eine Entwicklung. Es stellt dar, wie sich der Geist – und zwar der endliche, wesentlich menschliche Geist – von seinem einfachsten, niedersten Phänomen bis zu seinem vorläufig höchsten Phänomen entwickelt hat, von der sinnlichen Gewißheit bis hin zum absoluten Wissen. Dieses Werk steht chronologisch am Anfang.

Systematisch am Anfang steht die Logik, die zwischen „Phänomenologie“ und „Enzyklopädie“ innerhalb der zweibändigen Arbeit „Wissenschaft der Logik“ verhandelt wird. Wiederholt hebt Hegel dort sein logisches Vorhaben von der „gewöhnlichen Logik“ ab. Mit der gewöhnlichen meint er eine Logik, die bis heute auch die formale genannt wird, die urtümlich von Aristoteles ausgearbeitet wurde, aber seitdem keinerlei Fortschritt gemacht habe und zu seiner Zeit in der durchdringenden Gestalt des „gänzlich leeren Lehrbuchs“ eines gewissen Jakob Friedrich Fries (1773 – 1843) umging. So wie sich die Logik in den Lehrbüchern der Zeit dargestellt hat, sah Hegel sie nachgerade „in Verachtung gekommen“. Anders als die formale handle seine Logik nicht von „leeren Verstandesformen“ sondern von Schritt für Schritt immer gehaltvoller, immer reicher geratenden Denkbestimmungen wie „Sein“, „Werden“, „Endliches und Unendliches“, „Wesen“, „Grund“, „Wirklichkeit“ und „Begriff“.

Auch in der „Wissenschaft der Logik“ wird eine bestimmte Entwicklung nachvollzogen – die logische Entwicklung. Das ist die Entwicklung der reinen Gedanken. Die Reinheit dieser Gedanken und ihrer Entwicklung darf man sich nach einer von Hegel selbst angebotenen Erläuterung wie folgt vorstellen. Es handelt sich um die Begriffe des Seins, des Wesens, des Lebens usw., so wie sie innerhalb des unendlichen Geistes – und das soll heißen, innerhalb des göttlichen Geistes – entwickelt sind, auseinander hervorgegangen und gleichsam aufgefädelt sind, und zwar bevor die Schöpfung geschieht, „vor der Erschaffung der Natur und eines endlichen Geistes“ Gelegentlich wird einer von den reinen Gedanken direkt „der göttliche Begriff“ genannt. Es handelt sich mithin bei den reinen Gedanken aber auch um jene Begriffe und Ideen, die im Vollzug der Schöpfung zum Logos der geschöpften „gegenständlichen Welt“ werden, zu Gesetzen der Naturentwicklung und Geistentwicklung. So daß sie, unbeschadet ihrer Reinheit als Elemente des Logischen, doch „eben so sehr objectiven Werth und Existenz“ erlangen.

Auch die in der „Wissenschaft der Logik“ nachvollzogene logische Entwicklung macht eine aufsteigende Bewegung aus. Sie hebt an mit einer völlig bestimmungslosen Denkbestimmung. Das ist der Begriff des reinen Seins. Und sie gipfelt in der bestimmungsreichsten logischen Idee. Das ist die absolute Idee. Die bildet direkt die Idee der Schöpfung. Natur und endlicher Geist sollen Daseinsweisen von ihr darstellen. Kunst, Religion und Philosophie würden unterschiedliche Weisen ausmachen, in denen sich jene Idee erfaßt und ein ihr angemessenes Dasein gibt. Ganz in diesem Sinne enthält die absolute Idee auch eine Methode, gewissermaßen die Methode der aufsteigenden Selbstbewegung kraft Negativität.

DIE METHODE DER NEGATIVITÄT

Unter der Methode versteht Hegel nicht lediglich eine Verwahrensweise, derer sich der endliche Geist – etwa der seinige – bedient, um natürliche und geistige Entwicklungen nachzuvollziehen. Überhaupt sei die Methode nicht einseitig als Erkenntnisweise zu verstehen, sondern ebenso als „die eigene Methode jeder Sache selbst“. Sie macht „sowohl die Art der Erkenntnis“ aus als auch, „die objective Art und Weise, oder vielmehr die Substantialität der Dinge.“( Gesammelte Werke Bd. 12, S. 238).

Die Methode ist im gut aristotelischen Sinne eine Form. Sie ist jene Form, die Bewegungen eben zu Entwicklungen formiert, zu aufsteigenden Selbstbewegungen. Handle es sich dabei nun um Entwicklungen in der Natur, um Entwicklungen des Geistes oder um jene Entwicklungen, die auch „Menschengeschichte“ genannt werden. Und die gleiche Methode ist ebenso die Form, die ein Erkennen, das jene Entwicklungen nachvollziehen soll, selbst auch annehmen und ausfüllen muß – als Erkenntnismethode in dem geläufigen engeren Sinne.

Unbeschadet dieser Zweischichtigkeit kann man von der Methode, die sogar den Kern der absoluten Idee bildet, doch unzweideutig sagen, was sie charakterisiert. Sie ist die Methode der Negativität. In sechs Punkten läßt sie sich charakterisieren. An dieser Stelle darf das in der Diktion der Erläuterung einer Erkenntnismethode im engeren Sinne geschehen, in der Art der Erläuterung einer Methode, derer sich endliche Geister wie der Leser und der Autor dieser Zeilen bedienen können; sie dürfen dabei nur nicht vergessen, daß sich der unendliche Geist schon vorab eben dieser Methode bedient hat, um seine logische Entwicklung zu vollbringen.

1. EIN JEDES HAT SEIN NEGATIVES AN SICH

Den Anfang eines dialektischen Gedankengangs sieht Hegel damit gemacht, daß etwas Allgemeines – wie etwa das reine Sein oder die Identität schlechthin und überhaupt – an und für sich betrachtet wird. Es wird an und für sich betrachtet, indem darüber vorzugsweise analytische Aussagen gemacht werden, also Aussagen, die nur das auslegen, was in dem Betrachteten selbst liegt, was es an sich hat. Gerade bei solcher Betrachtung aber zeige es sich „als das Andere seiner selbst“, böte es sich als etwas dar, das sein Negatives unmittelbar an sich hat.

Ein Jedes hat sein Negatives an sich, heißt es. Den Begriff des Negativen gebraucht Hegel dabei anders, als er üblicherweise in der Umgangssprache verwendet wird. Umgangssprachlich liegen „das Negative“ und „das Schlechte“ dicht beieinander. Die schlechten Nachrichten, die man lieber nicht bekommt, gelten dort als etwas typisch Negatives. In Hegels Dialektik, und nicht allein dort, ist das Negative dagegen die von Grund auf wertfreie Negation von Bestimmungen und Bestimmtheit. Gleichviel, ob sich die Negation schlicht als verneinende Aussagen versteht, oder auch als eine Bewegung an den Gegenständen von Aussagen. Lediglich in einem Fall besteht das Negative direkt im Unguten oder gar Schlechten, nur dann nämlich, wenn es sich um das Negative des Guten handelt.

Nun soll das Negative, das ein Jedes an sich hat, nicht irgendeines ausmachen, sondern sein Negatives. Was meint diese Zuspitzung ? Beispielsweise im Falle der Identität. Im Vergleich mit dem Identischen stellt schon so etwas wie das Nichtwissen oder die Nichtigkeit etwas Negatives dar, aber noch nicht sein Negatives. Das ist vielmehr das Nichtidentische. Ähnlich im Falle des Endlichen. Zum Endlichen steht u. a. das Nichtsein als etwas Negatives, aber keinesfalls schon als das seinige. Sein Negatives ist das Unendliche. Und so bei allem und jedem, sein Negatives besteht immer in der Negation derjenigen Bestimmung, die es selbst ist oder hat.

Sein Negatives soll ein Jedes überdies an sich haben. Was das bedeutet, demonstriert Hegel mit einer gewissen Vorliebe am Satz der Identität. Bereits bei einem frühen Versuch, sein dialektisches Philosophieren öffentlich vorzustellen – in der sogenannten „Differenzschrift“, die Jahre vor der „Phänomenologie“ erscheint – muß der Satz der Identität als bevorzugtes Exempel herhalten. Für diesen Satz soll die Gleichung „A=A“ stehen. A sei gleich A, sei dasselbe wie A. Dieser Satz bestimme die Beziehung der Identität, gebe ihre Bestimmung an, oder eine ihrer Bestimmungen; so werde sie gedacht. Kein anderer Satz der Philosophie scheint sich dem Grundsatz „Ein jedes hat sein Negatives an sich“ so vollständig zu entziehen, ja zu verweigern, wie der Satz der Identität. Tatsächlich folgt er dem Grundsatz. In der Gleichung „A=A“ figuriert nämlich das A eingangs als Subjekt und ausgangs als Prädikat. Als Subjekt ist A aber offenkundig nicht dasselbe wie das A als Prädikat. Und dies liegt direkt in der Bestimmung, daß es dasselbe ist. Ausgerechnet in der Bestimmung der Identität. Das A, das mit A identisch ist, kann nicht das A sein, mit dem es identisch ist. Dieses A spielt nicht dieselbe ontische Rolle wie jenes. Das A, das dasselbe ist wie A, kann unmöglich dasselbe A sein wie dasjenige, für das es dasselbe ist. Das heißt, in „A = A“, in dieser Bestimmung der Identität selbst, liegt die negative Bestimmung „A nicht = A“, ihr Negatives. Die Identität läßt sich nicht bestimmen, ohne sie als Nichtidentität zu bestimmen. Das wiederum bedeutet, das Negative der Identität kommt nicht von außen hinzu, sondern liegt in ihr selbst, folgt aus ihr, und läßt sich darum auf dem Wege einer reinen Analyse von nichts anderem als der Identität begreifen. Genau in diesem Sinne kann und muß es heißen, daß die Identität ihr Negatives an sich hat. Indem man das aufzeigt, wird der Satz der Identität nicht widerlegt und verworfen. Hegel zufolge ist er damit eigentlich erst wahr geworden, wahr weil vollständig.

Daß nun wirklich alles sein Negatives an sich hat, und nicht allein die Identität, behauptet Hegel keineswegs im Ergebnis einer Verallgemeinerung empirischer Befunde, vielmehr folgt das aus einem bereits am Anfang der „Logik“ enthüllten Grund. Er liegt in der Abkunft des Werdens vom reinen Sein und Nichts. Weil das Werden – und vermittels seiner die ganze Entwicklung reiner Gedanken bis hin zur absoluten Idee – vom reinen Sein und Nichts abstammt, müsse jegliches sein Negatives an sich haben. Darauf wird noch zurückzukommen sein.

Unter dem Titel „sein Negatives“ macht Hegel das Agens einer Selbstbewegung aus. Das Negative, das ein Begriff „in sich selbst hat“, bilde den Punkt, „wodurch der Begriff sich selbst weiterleitet“; dies „macht das wahrhaft Dialektische aus“ (Gesammelte Werke Bd. 11, S. 26). Daß der Begriff sich selbst weiterleite, meint gewiß nicht, Begriffe würde, abgehoben von einem begreifenden Wesen, ein Eigenleben führen. Der Begriff ist ein Gedanke, der Gedanke Denken, das Denken ein Tun des begreifenden, erkennenden Wesens. Indem aber dieses Tun dazu gelangt bei einem Begriff wie dem des Seins, des Endlichen oder der Identität dessen Negatives eingeschlossen zu sehen, beschwört es ein bestimmtes logisches Erfordernis, eine gewisse logische Notwendigkeit herauf. Ja, der Begriff selbst impliziert zusammen mit seiner negativen Bestimmung das Erfordernis. Wie jede echte Frage den Anspruch mit sich führt, daß es logischerweise, konsequenterweise Antwort zu geben gilt, so wird ein Weiterdenken zum logischen Erfordernis, zur Sache der Folgerichtigkeit, nachdem ein positiver Begriff eine negative Bestimmung erfahren hat. Und indem dieses Weiterdenken schließlich zu anderen Begriffen tendieren wird, leitet sich der gegebene Begriff kraft seiner negativen Bestimmung selbst weiter.

2. DAS NEGATIVE IST EBEN SO SEHR POSITIV

Wenn es zutrifft, daß alles sein Negatives an sich hat, dann muß das auch für das Negative selbst gelten. Es muß gleichfalls sein Negatives aufweisen. Und des Negativen sein Negatives ist das Positive. So ergibt sich ein Grundsatz, der bei Hegel sogar „der logische Satz“ heißt. Er besagt, „daß das Negative eben so sehr positiv ist“ (S.25). Das ist übrigens genau der Grundsatz, von dem 150 Jahre später Theodor Wiesengrund Adorno, das Haupt der kritischen Theorie und Frankfurter Schule, dialektisches Denken wird „befreien“ wollen. Für Hegel markiert der Satz eine unabdingbare Facette der dialektischen Denkweise.

Indem man den Gedanken an etwas Positives wie das Identische, Endliche oder Seiende negiert, wird das Positive weitergedacht, wird es in der Form eines sogenannten Negats fortgeschrieben. Sein Negatives zu bestimmen, heißt nicht, das Positive verschwinden zu lassen, es dem leeren Nichts oder der Nullität zu überlassen. Vielmehr enthält das Negative sein Positives. „Nichtidentität“ schließt „Identität“ ein, sogar unverkürzt, wenngleich in negativer Form. „Unendliches“ impliziert „Endliches“, und zwar vollständig, nur eben mit einem negativen Vorzeichen. Bereits in diesem einfachen Sinne ist das Negative in der Tat ebensogut positiv.

An diese Eigentümlichkeit des Negativen, die sich unbedingt einstellt, die nicht hergestellt werden muß, höchstens übersehen und sträflich vernachlässigt werden kann, schließt Hegel ein, sozusagen, methodisches Gebot an: „Das Positive in seinem Negativen, den Inhalt der Voraussetzung im Resultat festzuhalten“, dies sei „das Wichtigste im vernünftigen Erkennen.“ (Gesammelte Werke Bd. 12, S. 245). Im Hintergrund dieses Satzes wirkt die schon bei Platon anklingende Unterscheidung zwischen Vernunft und Verstand fort. Verstand tendiert zum Separieren; so separiert er auch das Negative gegen das Positive und umgekehrt. Vernunft neigt zum Zusammendenken; sie denkt das Negative mit seinem Positiven zusammen. In dieser Richtung zeichnet sich dann ab, was das Negative „in Wahrheit“ ausmacht.

3. DAS NEGATIVE, DAS AUCH POSITIV IST, FÄHRT ZUM WIDERSPRUCH AUSEINANDER

Unter dem leitmotivischen Gedanken, daß ein Jedes sein Negatives an sich habe, wurde etwas Negatives buchstäblich bestimmt, wurde es als die einfache Bestimmung eines Positiven ausgemacht. Indem man nun das Negative weiterdenkt, es gewissermaßen zu Ende denkt und also das Positive in diesem Negativen „festhält“, zeichnet sich unweigerlich ab, wie wenig es lediglich eine Bestimmung ausmacht, wie sehr es „in seiner Wahrheit“ eine Verhältnis darstellt, eine Beziehung. Und zwar ein Verhältnis, das sich selbst und das Positive zu seinen Extremen, seinen äußersten Enden hat. Das Negative als das Verhältnis, das es selbst und das Positive einbegreift. Die Nichtidentität etwa versteht sich dann als die Beziehung, die sowohl die Identität als auch sich selbst einschließt. Auf diese Weise aber wird das Negative als ein Verhältnis des Widerspruchs gedacht, als die Konjunktion des Positiven mit dem Negativen, als Konjunktion von „Identität“ und „Nichtidentität“ beispielsweise. Der Widerspruch wiederum, so heißt es, hebt sich auf. Fragt sich weiter, wie das Aufheben von Widersprüchen zu denken sein mag.

4. DAS AUFHEBEN, ZUMAL VON WIDERSPRÜCHEN, GESCHIEHT DOPPELSINNIG

„Aufheben“ ist einer der wichtigsten Begriffe der Philosophie, vermerkt Hegel in der „Logik“ an einer Stelle, wo er dem Begriff eine gesonderte Anmerkung widmet. Tatsächlich hat dieses Wort vor ihm niemand als definiertes philosophisches Fachwort verwandt. Er hat es erst zum Terminus erhoben. Mit Bedacht bedient er sich dabei der Doppeldeutigkeit, die das Wort im Deutschen aufweist. Innerhalb von sprachlichen Wendungen wie beispielsweise „Die Tafel ist aufgehoben“, „Der Belagerungszustand wird bald aufgehoben“ und „Der Paragraph ist längst aufgehoben“ bedeutet es: beenden, aufhören lassen, tilgen. Anders in den Wendungen „Etwas als Andenken aufheben“ und „Den Rest der Speise für morgen aufheben“. In dem Zusammenhang bedeutet es soviel wie: aufbewahren, erhalten. Beides kann es umgangssprachlich meinen, Beenden und Aufbewahren. Allerdings nur in unterschiedlichen Kontexten; in einem Kontext „beenden“, im anderen „aufbewahren“. Als philosophisches Fachwort nun soll „Aufheben“ beides zugleich meinen, sowohl Beenden als auch Aufbewahren, und beides in einem. Etwas aufzuheben heißt dann, es ebenso zu beenden wie aufzubewahren. Beliebiges wird aufgehoben, indem es in einer Hinsicht eine Beendigung erfährt, in anderer Hinsicht zugleich eine Aufbewahrung.

Beenden und Aufbewahren nennt Hegel Momente. Moment soll das sein, was zwar besteht, aber nicht für sich zu bestehen vermag, was also nicht selbstständig besteht, sondern nur an einem anderen, in einem anderen, durch ein anderes. Beenden und Aufbewahren bestehen nicht für sich, nicht selbständig, sondern nur im Aufheben. So sind sie Momente des Aufhebens.

Das doppelsinnige Aufheben bildet die Struktur der Negation, und zwar jeder. Alles Negieren hebt auf, jegliches Aufheben bildet den Doppelsinn einer Negation. Selbst ein in der formalen Logik gebräuchlicher symbolischer Ausdruck für Negation wie „~p“ verrät jenen Doppelsinn, indem er das Verneinte („p“), mit einem Vorzeichen versehen, wiederholt. Allein deshalb, weil schon die einfachste Negation die Form des Aufhebens, des Beendens und Aufbewahrens, aufweist, kann gelten, daß alles Negative auch positiv sei.

Das Aufheben des Widerspruchs, das bei der darzustellenden Methode als nächster Schritt ansteht, ist zunächst einfach die Negation des Widerspruchs, die wie jede andere Negation auch beendet und bewahrt. Seine Aufhebung erfährt der Widerspruch des Negativen mit dem Positiven in dem Gedanken der Einheit beider. Diese Einheit besteht in einem Dritten. Der Widerspruch zwischen „Identität“ und „Nichtidentität“ etwa findet seine Aufhebung in dem Denken der Einheit von Identität und Nichtidentität. Diese Einheit besteht in einem Dritten, und das ist der Begriff des Unterschiedes bzw. der Unterschiedenheit. Der Gedanke an Unterschiedenheit leistet jenes Beenden und Bewahren, das alle Negation zum Aufheben macht. In „Unterschiedenheit“ sind „Identität“ und „Nichtidentität“ einerseits beendet; sie sind darin beendet als ehedem selbständig Bestehendes. Andererseits sind sie darin auch aufbewahrt, und zwar als unselbständige Momente der Unterschiedenheit. Analog generell.

Nun fragt sich allerdings, woher das Dritte komme. Aus den Momenten des Aufhebens scheint es sich keineswegs herleiten zu lassen. Das Dritte bewahrt zwar etwas auf, aber es scheint doch nicht das Resultat des Aufbewahrens sein zu können. An dieser Stelle macht sich bemerkbar, daß es sich beim Aufheben von Widersprüchen eben doch nicht um eine einfache Negation handelt, sondern um eine besondere Form von Negation. Im Falle eines Widerspruchs wird schließlich etwas aufgehoben, das seinerseits bereits etwas anderes aufgehoben hat; es wird in dem Falle etwas negiert, das selbst schon etwas Negatives darstellt. Das Aufheben von Widersprüchen macht darum eine Negation der Negation aus. In seiner Darstellung der Methode nennt Hegel es auch „das Negative des Negativen“ oder „das zweite Negative“. Bei der Negation der Negation stellt sich das Aufheben mit seinen Momenten verständlicherweise noch verwickelter dar als bei einfacher Negation. Dem nachgehend, erschließt sich auch das Eintreten eines Dritten.

5. NEGATION DER NEGATION

Seit der Antike kennt die Philosophie die Denkfigur der doppelten Verneinung, die später nicht selten mit der Negation der Negation gleichgesetzt wird. Der Gedanke an doppeltes Verneinen findet sich schon in der Logik der älteren Stoiker. Die sollen u. a. folgendes gelehrt haben: Wenn jemand behauptet, es ist Tag, so lautet die Verneinung, es ist nicht Tag, sondern Nacht, und die doppelte Verneinung besagt dann, es trifft nicht zu, daß es nicht Tag ist. „Damit bleibt es dabei, daß es Tag ist.“ (Diog. Laert., vitae philos. VII 30). Später wurde die doppelte Verneinung auf gewisse Formeln gebracht: „duplex negatio affirmatio est / doppelte Verneinung ist Bejahung“ oder „duplex negatio affirmat / doppelte Verneinung bejaht“. Zumeist wird es Spinoza zugeschrieben, die Formeln geprägt zu haben. In der zeitgenössischen formalen Logik werden sie häufig so ausgelegt: Die doppelte Verneinung einer wahren Aussage ist wieder wahr. Die einfache Verneinung einer wahren Aussage sei falsch, die doppelte Verneinung der wahren Aussage aber sei wieder wahr. So vollführt die doppelte die Figur einer einfachen Rückkehr, der Rückkehr zum Wahrheitswert des Ausgangssatzes. Irgend etwas, das auch nur entfernt an eine Entwicklung erinnern könnte, geschieht bei solcher Rückkehr gewiß nicht. Das Denken kommt inhaltlich nicht von der Stelle. Und das ist für Dialektiker wie Hegel das schlimmste, was dem Denken widerfahren kann – nicht von der Stelle zu kommen, nur zu wiederholen statt zu entwickeln. Unter dem Titel „Negation der Negation“ faßt er dann auch etwas erheblich anderes als die bloße Rückkehr zum Wahrheitswert von Ausgangssätzen. Die vermerkte Definition des doppelten Verneinens innerhalb der formalen Logik ignoriert, daß alles Negieren beendet und bewahrt; sie läßt an ihm nur das Beenden gelten. Deshalb schrumpft ihr das doppelte Verneinen zur einfachen Rückkehr zum Ausgangspunkt. Unter Hegels Begriff einer Negation der Negation soll dagegen gerade die Zweischneidigkeit von Beenden und Bewahren auf sich zurückgebogen werden. Worauf es dabei vor allem ankommt, ist, daß der Doppelsinn der Negation, das zweischneidige Aufheben, zu Ende gedacht wird, statt unterderhand in ein einfältiges, einschichtiges Verneinen zurückzufallen.

Am Ausgangspunkt des exemplarischen Gedankengangs stehe noch einmal der Begriff der Identität – als das Positive. Im Begriff der Nichtidentität, seinem Negativem, findet er sich aufgehoben. Bei dem sodann anstehenden Schritt gilt es zu denken, wie das Aufheben von „Identität“ beendet und aufbewahrt wird. Was heißt es, das Aufheben des Positiven seinerseits sowohl zu beenden, zu tilgen als auch zu bewahren, aufzubewahren? Würde es lediglich gelten, das Aufheben des Positiven gedanklich zu beenden, zu tilgen, würde es nur rückgängig gemacht, und der Gedankengang vollzöge die einfache Rückkehr zu seinem Ausgangspunkt, dem Begriff der Identität. Da es tatsächlich aber gilt, dieses Aufheben nicht einfach zu tilgen, sondern zugleich aufzubewahren, muß der Gedankengang folgerichtig einen anderen Weg nehmen. Er muß sehr wohl in etwas Positives einmünden, aber doch in ein anderes Positives, als das der Begriff der Identität ist, in ein neues Positives, das sowohl gegen „Identität“ als auch gegen „Nichtidentität“ abhebt. In ein Drittes eben. Als das Dritte und neue Positive kann im gegebenen Fall der Begriff der Unterschiedenheit erwogen und angenommen werden. Und bei näherer Prüfung findet sich, wie sehr der Begriff der Unterschiedenheit mit Fug und Recht als das neue Positive behauptet werden darf, weil und insofern sich aufzeigen läßt, daß die Unterschiedenheit in der Tat die Identität und Nichtidentität als ihre Momente vereinigt. Bei dem gewonnenen Begriff der Unterschiedenheit kann dann der ganze Gedankengang erneut einsetzen, als weiterführender Gang.

Bei der echten Negation der Negation, so läßt sich generell sagen, wächst das Aufheben zu einer gewissermaßen schöpferischen Form aus, nimmt es einen Zug von Kreativität an. Hegel selbst nennt diese Form das Spekulative, das spekulative Erkennen. Das Aufheben ist dabei nicht mehr nur ein Aufheben von etwas, sondern auch ein Aufheben in etwas, in einem Dritten, in etwas Positiven neuer Art. Eben das wird dabei spekulativ bestimmt. Hegel selbst hält seine Methoden für ein logisches Schließen. An etwas sein Negatives auszumachen, bilde die eine Prämisse, die Negation der Negation die andere Prämisse. In der Schlußfolgerung, der sogenannten Konklusion, ergebe sich das neue Positive, in dem ein Widerspruch seine Aufhebung erfährt. Wenn es sich hierbei tatsächlich um einen Schluß handelt, dann auf alle Fälle weder um einen deduktiven, der – auf zwingende Weise – von etwas Allgemeinem auf etwas Besonderes und Einzelnen schließt, noch um einen induktiven, der – auf nicht zwingende Weise – vom Einzelnen auf Allgemeines schließt. Die Folgerung ist vielmehr eine spekulative. Das Spekulative daran: in der Folgerung tauchen Begriffe und Ideen auf, die in den Prämissen noch gar nicht vorkamen. Während bei deduktiven und induktiven Schlüssen üblicherweise in der Folgerung die Prämissenbegriffe lediglich verändert miteinander verknüpft werden Die „Wissenschaft der Logik“ stellt in einer längeren Passage vielfältige Schlußfiguren vor: Analogieschlüsse, Schluß der Transitivität usw. Lauter Figuren, über die man sich heute bei der formalen Logik ausgiebig informieren kann. Die spekulative Folgerung fehlt auf Hegels Tableau der Schlüsse. In seiner Praxis des Folgerns und Schließens hingegen ist sie allgegenwärtig.

6. DAS WAHRE IST DAS GANZE

Es ist möglich, an der charakterisierten Methode gewisse Schritte, Stufen oder dergleichen abzuzählen und aufzuzählen. Der erste Schritt kann darin gesehen werden, daß etwas unmittelbar Positives thematisiert und an und für sich betrachtet wird. Der zweite Schritt würde dann darin bestehen, auszumachen, daß und wie das Positive sein Negatives an sich hat und wie dieses sich zum Widerspruch aufspreizt. In einem dritten gelte es danach zu verfolgen, wie der Widerspruch seine Aufhebung erfährt, worin also die Negation der Negation einmündet, in welches Positive neuer Art. Bei einer solchen Zählweise erscheint die Methode als Triade oder Dreischritt. Man kann aber auch auf andere Weise abzählen, etwa indem man das Resultat der Negation der Negation gesondert faßt und als Viertes aufführt. Sodann erscheint die Methode als „Quadrublizität“. Und es läßt sich noch auf abermals andere Weise abzählen, vermerkt Hegel – mit kaum zu überlesender Ironie. Seine Ironie gilt nicht zuletzt Fichtes Huldigung des Dreischritts. Dazu macht er an einer Stelle direkt kritische Bemerkungen. Der abzählende „Formalismus“ gehöre zur äußerlichen Reflektion der Methode. Eine eher geringschätzende Verortung.

Von tief innerlicher Bedeutung für die Methode sei dagegen folgendes. Gleichviel, ob das Resultat einer Negation der Negation als Dittes, Viertes oder gar Fünftes gezählt wird, so oder so bildet es zugleich den Anfang, den Ausgangs- und Einsatzpunkt eines weiterführenden dialektischen Gedankens. Das heißt, der absolvierte Gedankengang führt sehr wohl zum Ausgangspunkt, allerdings nicht zu dem urtümlichen, sondern zum Ausgangspunkt eines weiterführenden. Das Resultat des absolvierten bildet zugleich den Anfang eines weiterführenden. Und dessen Resultat wird wieder am Anfang eines abermals weiterführenden stehen. Der Gedankengang kann so als eine Kette, die immer länger gerät, erscheinen. In der Niederschrift erscheint er so zumal. Tatsächlich aber hat er in jedem Augenblick die vorangegangenen Schritte aufgehoben. Und zwar samt und sonders. Er verliert nichts und hinterläßt nichts. Er bildet in jedem Augenblick nur einen Gedanken, aber einen wachsenden, einen in sich immer reicheren und sich verdichtenden. Anstelle der fortwährend länger geratenden Kette stellt er ein auswachsendes, Schritt für Schritt an Dichte und Differenz gewinnendes Ganzes dar. Eben darum macht er eine Entwicklung aus, die auch Konkretion genannt wird.

Diese Tendenz des methodisch bewußten Gedankengangs – die zum auswachsenden Ganzen – will Hegel mit Bedeutung und mit einem gewissen Sollen aufladen, in dem er sie als die Bewegungsrichtung der Wahrheitsfindung auszeichnet und das geistige Ganze oder System zum Wahren erklärt. Er tut das vor allem. mit einer Aussage in der „Phänomenologie des Geistes“, die mittlerweile bereits den Status einer Sentenz erlangt hat. „Das Wahre ist das Ganze.“ Das Ganze aber ist „ nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“ (Gesammelte Werke Bd. 9, S. 19). Was dies bedeutet, zeichne sich besonders prägnant an Grundsätzen, an Prinzipien ab. Ein Grundsatz sei, wenn er denn wahr ist, schon deshalb auch falsch, weil er bloß ein Grundsatz darstellt, ein bloßes Prinzip, das zwar ein geistiges Ganzes zu begründen vermag, aber doch nicht das Ganze selbst ist und im Vergleich mit ihm etwas Einseitiges, Bestimmungsarmes, inhaltlich Dürftiges darstellt. Darin liege das Falsche. Während das Wahre nur das Ganze sein kann. In diesem Sinne ist auch der schon mehrfach bemühte Satz der Identität durchaus falsch. Indem aber an ihm sein Negatives ausgemacht wird und schließlich eine Negation der Negation beide im Begriff der Unterschiedenheit aufhebt, eröffnet sich Wahrheit. Mit diesem Begriff hebt ein Ganzes an, das zur Wahrheit taugt; er sei die Wahrheit der Identität wie der Nichtidentität, ihre Wahrheit. So Hegel.

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